Uns zieht es weiter. Auch wenn wir uns im Autokamp Titograd wohl gefühlt haben, wollen wir das Land des schwarzen Berges – wie Montenegro übersetzt heißt – weiter erkunden. Obwohl es nur noch wenige Kilometer in die montenegrinische Hauptstadt Podgorica sind, entscheiden wir, sie nicht anzusehen. Wir haben keine Lust auf Großstadttrubel und viele Menschen, sondern wollen lieber die Natur um uns herum genießen.

Unsere Wasservorräte sind aufgefüllt, also folgen wir der Morača vom Kamp Richtung Norden. Auf den ersten Kilometern ist das Tal noch etwas breiter und auf beiden Seiten der Straße stehen von kleinen Gärten umgebene Häuser. Gleich dahinter erheben sich schroffe Felsen. Und in der Mitte all dessen schlängelt sich der schmale Fluss in seinem Kiesbett gen Süden.

Wohnmobil Montenegro
Montenegro Brücke

Was wir zu diesem Zeitpunkt nicht ahnen – überall um uns herum befinden sich Drehorte der Karl May Verfilmungen aus den sechziger Jahren. Hier haben Pierre Brice als Winnetou und Lex Barker als Old Shatterhand Freundschaft geschlossen und gemeinsam gegen Unrecht und Unterdrückung gekämpft. Die meisten Dreharbeiten fanden im heutigen Kroatien statt. Doch auch in Montenegro – als Teil des ehemaligen Jugoslawien – wurden Szenen gedreht. Einige davon entlang der Morača – wo wir uns gerade befinden. Auf dieser Webseite gibt es ausführliche Informationen und zahlreiche Bilder der einzelnen Orte.

Morača-Schlucht

So langsam verengt sich das Tal, die Felswände links und rechts kommen immer näher. Hier gibt es keine Häuser mehr. Ohne die viel befahrene Straße wäre dies ein ruhiger und friedlicher Ort. Doch wir sind auf einer der Lebensadern des Landes, die Nord und Süd verbindet.

Montenegro Moraca Schlucht
Montenegro Moraca Schlucht

Immer schmaler wird die Schlucht und die in den Fels gefräste Straße. Ein Tunnel reiht sich an den nächsten. Wie schwarze Schlünde liegen sie vor uns, warten darauf, uns zu verschlingen und am anderen Ende wieder auszuspucken. Hier ist besondere Vorsicht geboten, denn ein Vierzigtonner nach dem anderen kommt uns entgegen. Durch die nahen Felswände und schmalen, unbeleuchteten Tunnel fahren sie oft in der Mitte der Straße. Das ist schon mit einem PKW eine ziemliche Herausforderung. Jetzt rentiert sich jeder Kilometer, den wir schon gefahren sind. Wir haben inzwischen Fahr-Routine und können die Maße unseres zu Hauses gut abschätzen. Und wir haben Glück. Da wir gen Norden fahren, liegen die meisten Parkbuchten auf unserer Seite der Straße. Wir nutzen diese kleinen Auszeiten, steigen aus und lassen die Kombination aus abweisender Natur, sanft dahinplätscherndem Fluss und andauerndem Verkehr auf uns wirken. Einmal sprechen uns zwei Reisende an, ob wir Hilfe brauchen. Diese Erfahrung machen wir zwar selten aber sie kommt vor: zwei Frauen allein unterwegs mit einem Wohnmobil sind nicht nur in diesem Land eine kleine Sensation.

Morača-Kloster

Fast fünfzig Kilometer fahren wir so entlang der Morača-Schlucht und benötigen dafür reichlich zwei Stunden. Inzwischen hat sich die Wolkendecke immer weiter geschlossen und es beginnt zu regnen. Wir sind verabredet mit Silke und Oliver. Die beiden sind morgens besser organisiert als wir und schon einige Zeit vor uns aufgebrochen. Jetzt wollen wir uns wieder treffen. Am Morača-Kloster. Als wir dort ankommen treffen wir die beiden auf dem Parkplatz des Klosters, Sie sind gerade fertig mit ihrem Besuch und ziehen weiter. Wir betreten den Garten des Klosters.

Die Anlage ist liebevoll angelegt und sehr gepflegt. Überall auf Blüten und Blättern liegen Regentropfen. Das serbisch-orthodoxe Kloster stammt aus dem 16. Jahrhundert, nachdem sein Vorgängerbau aus dem 13. Jahrhundert von den Türken niedergebrannt worden war. Es ist eines von wenigen noch erhaltenen mittelalterlichen Bauten in Montenegro. Wir haben Glück, denn wir sind fast allein bei unserem Bummel durch den Klostergarten. Das Morača-Kloster ist neben dem Felsenkloster Ostrog (Bericht folgt) eines der am meisten besuchten Klöster des Landes. Direkt hinter der Klostermauer blickt man auf die kleine Kirche in der Mitte der Anlage. Umgeben ist sie vom langgezogenen Wohnhaus der Mönche, einer Mauer und einer kleinen Kapelle. Bis auf zwei oder drei andere Besucher sind wir allein, von den Mönchen ist niemand zu sehen. So schließen wir unsere Besichtigung recht schnell ab und kehren zu Laika zurück.

Diesen Abend verbringen wir im Camp Rabrenović, einem kleinen Campingplatz in der Nähe. Und jetzt lässt auch der Himmel dem Regen freien Lauf.

Biogradsko Jezero

Am nächsten Tag haben wir es nicht weit. Rund 13 Kilometer liegt unser nächstes Ziel vom Campingplatz entfernt – der Biogradska Gora Nationalpark. Es ist der kleinste Nationalpark Montenegros mit einer Fläche von 56,5 Quadratkilometern. Als wir ankommen, müssen wir erst einmal nach einem Parkplatz für unsere beiden Wohnmobile suchen. Wir haben einen Samstag erwischt, die Menschen sind unterwegs und überall stehen PKW in unübersichtlicher Reihe. Es gestaltet sich schwierig, eine in Länge und Breite geeignete Lücke zu finden. Irgendwann aber schaffen wir es und unsere beiden Mobile stehen sogar hintereinander und in leichter Schieflage am Straßenrand.

Der Nationalpark ist eines der beliebtesten Ausflugsziele Montenegros. Hier findet man einen der ältesten Urwälder Europas. und die Natur ist noch weitgehend vom Menschen unbeeinflusst. Ein Highlight ist der Biogradsko Jezero, einer der sechs Gletscherseen des Parks. Rund 870 Meter lang, bis zu 260 Meter breit und zwischen 4,5 und 12 Meter tief ist der See, den wir einmal umrunden. Bis zu 500 Jahre alte und bis zu 45 Meter hohe Bäume wachsen in diesem Wald – Rotbuchen, Bergahorn, Eschen und Weißtannen. Ihr Durchmesser beträgt bis zu 1,5 Metern. Zu viert umrunden wir den See auf dem rund drei Kilometer langen Pfad. Der See ist schon ziemlich leer. Der Wasserspiegel schwankt stark im Jahresverlauf, denn er speist sich vor allem zur Schneeschmelze im Frühjahr.

Tara Springs Park

Mit ein bisschen Fingerspitzengefühl parken wir nach unserer Rückkehr wieder aus und verlassen den Nationalpark. Silke und Oliver sind – im Gegensatz zu uns – gut vorbereitet. Und haben von einer Karstquelle ganz in der Nähe gelesen. Sie liegt im Tara Springs Park und ist unser nächstes Ziel. Als wir dort ankommen sind wir erst etwas verwirrt. Auf einem Hügel steht ein kleines Hotel mit Terrasse. Hinweisschilder zeigen von dort auf die Steintreppe, über die man zur Quelle gelangt. Wie immer bei Karstquellen ist es erst einmal nicht so recht zu glauben, denn das Wasser kommt buchstäblich aus der Erde. Da Karstgestein recht porös ist, versickert Schmelz- und Regenwasser im Gestein und bildet unterirdische Flussläufe und Höhlen. Von oben ist davon nichts zu erkennen. Erreicht ein Höhlenfluss die Erdoberfläche, scheint er aus dem Nichts zu kommen, obwohl das Wasser zum Teil schon unterirdisch viele Kilometer hinter sich hat. Die Quelle, an der wir jetzt stehen, ist auch nicht nur ein Rinnsal, sondern ein ziemlich üppiger Strom. Er stürzt sich ins Tal und wird nach einigen Kilometern in die Tara münden.

Die Tara ist der längste Fluss Montenegros, der im Laufe der Jahre eine tiefe Schlucht in das Karstgestein geschnitten hat. Die Tara-Schlucht gilt mit ihrer Länge von 78 Kilometern und stellenweise über 1.300 Metern Tiefe als die längste und tiefste Schlucht Europas. Sie wurde 1980 als Teil des Nationalparks Durmitor in die UNESCO-Welterbeliste aufgenommen. Die Tara ist vermutlich eines der beliebtesten Ausflugsziele Montenegros. Wegen ihres türkisblauen Wassers trägt sie auch den Namen „Träne Europas“. Ihre Wasserfälle und Kaskaden machen sie zum einem Paradies für Rafting- und Kajak-Sportler.

Wir gehen es ruhiger an und bummeln ein Stück durch den Wald, genießen das tosen des Wassers und die frische der Luft um uns herum.

Die Quelle

Unser letztes Ziel ist das Eco-Kamp Oaza mitten im Durmitor Nationalpark. Wir können dieses Eldorado für Naturliebhaber von Herzen empfehlen. Auf einem großen Wiesengelände finden wir einen ungestörten Platz. Die sanitären Anlagen sind klein aber fein und die hausgemachte Küche ist ein wahrer Gaumenschmaus. Auch wer nicht mit dem eigenen zu Hause unterwegs ist, findet in einer der zwar kleinen aber ausreichenden Holzkabinen einen gemütlichen Schlafplatz. Geöffnet ist es von April bis November.

12. – 14. August 2022