Als feststand, dass ich dieses Jahr Urlaub in Norwegen machen will, dachte ich erst an eine Reise immer entlang der Küste nach Norden. Doch je länger ich darüber nachdachte, desto stärker stellte ich mir die Frage: wenn ich schon mal dort bin – warum fahre ich dann nicht gleich ans Nordkapp? Vier Wochen habe ich dafür Zeit. Zu dem Zeitpunkt war mir nicht klar, was das bedeutet und wie weit im Norden es wirklich ist. Manchmal ist es gut, nicht zu wissen, was auf einen zukommt.
Den Weg bis Trelleborg fahren Silke und ich gemeinsam. Ab da möchte sie eine Bikepacking-Tour durch den Süden Schwedens machen. Gegen 20 Uhr an einem Sonntag im Mai erreichen wir Warnemünde. Wir haben uns die Mittelmole als Übernachtungsplatz ausgesucht. Im Laufe der Zeit hat sich dieser Parkplatz zu einem beliebten Stellplatz entwickelt. Und so erwarten uns schon zwei Reihen Wohnmobile und verstellen den direkten Blick auf die Hafenausfahrt. Wir finden Platz in der dritten Reihe. In der Reihe vor uns haben zwei Mobile eine schöne Lücke zwischen sich gelassen, so dass wir auch von diesem Standort einen schönen Blick auf die ein- und auslaufenden Fähren haben.
Nach der langen Anfahrt wollen wir uns die Beine noch etwas vertreten und bummeln entlang des alten Stroms. Die Häuser an dessen Ufern sind erst in das gelbe Licht der untergehenden Sonne getaucht und werden später zum nächtlichen Stilleben. Die Szenerie hat fast den Charakter eines Gemäldes der Romantik.

Warnemünde habe ich noch nie so still und verlassen erlebt. Die nächtlichen Straßen sind menschenleer, die Restaurants und Bars geschlossen und dunkel. Wir haben dieses Schmuckstück für uns alleine. Und als wir gegen 23 Uhr zurück sind, lugt ein runder, rötlich schimmernder Vollmond hinter dem Riesenrad hervor. Ein bisschen Kitsch zum Sonntag Abend.

Unsere Fähre nach Schweden fährt erst Montag am späten Abend, so dass wir den Tag noch Zeit für einen Ausflug haben. Um nichts zu vergessen schreiben wir einen Plan. Wir wollen eine Jacke kaufen, mit dem Schaufelraddampfer „Schnatermann“ nach Markgrafenheide fahren und das Edvard Munch Haus finden. Dazu noch letzten Proviant besorgen und die Laika volltanken – Diesel soll in Skandinavien teurer sein. Nachdem wir tatsächlich eine Jacke gefunden haben, laufen wir zum Anleger des „Schnatermann“, lösen unsere Tickets und setzen uns an eins der Panoramafenster.
Kurz vorm ablegen steigt noch eine ziemlich große Gruppe Frauen zu. Vermutlich machen sie einen gemeinsamen Ausflug und schnattern vergnügt. Leider sind damit die ohnehin schlecht zu verstehenden Kapitänsdurchsagen noch weniger zu hören.
Schließlich wechseln wir an Deck und können so auch die Stille der Rostocker Heide genießen. Mir war nicht klar, welches Naturparadies vor Rostock liegt. Gleich hinter der Ostsee liegt Deutschlands größter geschlossener Küstenwald.


Was für uns ein touristischer Ausflug ist, ist auch eine reguläre Verbindung zwischen Warnemünde und Markgrafenheide. Zweimal am Tag fährt der Dampfer erst durch den Rostocker Hafen und dann weiter durch die Naturschutzgebiete Schnatermann und Radelsee. Unterwegs erzählt der Kapitän vom Markgrafen, nach dem Markgrafenheide benannt ist. Er soll in einem goldenen Sarg am Grund des Radelsee begraben sein. Doch das Rätsel (Radel) wo genau er liegt, konnte bislang noch niemand lösen.
Auch zum Schnatermann gibt es eine Legende. So soll sich vor Jahren ein Schiffbrüchiger auf einem aus den eisigen Fluten ragenden Stein gerettet und drei Tage dort ausgeharrt haben. Als wir am Stein vorbeifahren ist das, was aus dem Wasser ragt kaum größer als ein Gymnastikball.
Zurück in Warnemünde finden wir das Edvard Munch Haus am alten Strom. Für Unwissende ist sein Name sogar ziemlich groß am Giebel angebracht. Leider hat es nur am Wochenende geöffnet, so dass wir noch einmal wiederkommen müssen.
Auf dem Weg zum Strand sehen wir, dass der Leuchtturm geöffnet hat. Wir kaufen ein Ticket und steigen die rund 135 Stufen nach oben. Der Blick von hier oben ist fantastisch. Der „Teepott“ unter uns sieht aus, wie ein Rochen, der auf dem Weg in die Ostsee ist. Der Strand und die Promenade ist voller kleiner Menschenpunkte. Ein Straßenmusiker spielt bekannte Musik der 70er und 80er. Alles macht von hier oben einen sehr entspannten Eindruck.



Danach bummeln wir noch ein bisschen am Strand entlang, setzen uns in den Sand und genießen die Sonne und das Meer. Ich bin gefühlt das erste Mal während des beginnenden Sommers in Warnemünde. Diesen breiten Strand habe ich noch nie mit so vielen Strandkörben und Menschen gesehen.

Schließlich geht es zurück zu Laika: zwei Missionen sind noch offen: tanken und einkaufen. Beides wollen wir auf dem Weg zum Fährhafen erledigen. Und landen in Rostock Dierkow Neu, einem Ende der 80er Jahre erbaute Plattenbauviertel, der vermutlich nur wenige Besucher sieht. Eine Tankstelle finden wir auch noch und erreichen ca. 20.30 Uhr den Terminal. Der Mann am Schalter fragt uns nur nach unseren Ausweisen, das Nummernschild ist längst gescannt und unsere Bordkarten und Kabinentickets schon gedruckt. Wir müssen nichts mehr tun. Nur auf die Fähre fahren und es uns gut gehen lassen. Gemeinsam mit anderen schauen wir der Stena Line beim andocken und löschen zu. Zirka 22:30 Uhr setzt sicher unsere Reihe in Bewegung und wir fahren über die Rampe in den Bauch des Schiffes. Unsere Kabine liegt an Deck 9 und zum Glück nicht an der Seite mit den Ausflugsdeck. So schauen wir aufs Wasser und die Besucher nicht in unsere Kabine.


Viel passiert nicht mehr. Um 4:15 Uhr wird der Wecker klingeln, wir haben also ein paar Stunden Ruhe.


