Dies ist Teil 2 der Serie „Mit dem Wohnmobil ans Nordkapp“. Wenn du mit dem ersten Teil beginnen willst, dann klicke hier.
Es klappt nur bedingt mit dem schlafen. Vielleicht drei Stunden habe ich am Ende wirklich geschlafen, als um 4:20 Uhr die Durchsage kommt, dass wir kurz vor Trelleborg sind.
Abschied in Trelleborg
Silke ist es speiübel. Ob es am essen oder der Aufregung liegt – oder an einer Kombination aus beidem, wissen wir nicht. „Beste Voraussetzungen“ für ihre Radtour. Wir schaffen es ohne Zwischenfälle zu Laika, dann fahren wir von Bord und suchen ein ruhiges Eckchen ein Stück außerhalb Trelleborgs. Bei „Böste Läge“ zeigt es einen kostenfreien Stellplatz an. Dahin fahre ich nun, um erst mal anzukommen und noch etwas zu schlafen. Und dieser Plan geht auf. Entgegen aller Bedenken ist Silke gegen Mittag einigermaßen fit. Sie schnallt ihr Rad von Laika und befestigt die Packtaschen. Dann schießen wir noch ein paar Fotos, verabschieden uns und kurz danach ist sie um die Kurve rum und weg.
Ab hier beginnt jede ihre eigene Reise


`Auf ans Nordkapp´ denke ich, packe zusammen, tippe mein erstes Etappenziel ins Navi und starte den Motor. Meine Soloreise beginnt mit den ersten Kilometern durch Schweden. Die Route habe ich nur grob geplant. Immer entlang der Ostseeküste nach Norden, anschließend durch Finnland nach Norwegen, und schließlich zum nördlichsten Punkt Europas, den man mit dem Auto erreichen kann. Denn der geografisch nördlichste Punkt Europas liegt auf der Insel Spitzbergen, ist aber nicht mehr mit einem Fahrzeug erreichbar.
377 Kilometer schaffe ich an diesem ersten Tag. Die schwedische Landschaft inspiriert dazu, immer wieder stehen zu bleiben und zu schauen. Die meist roten Häuser mit den weißen Fensterrahmen sind ein schöner Kontrast zu den grünen Wiesen und üppigen Wäldern. Selbst in den Ortschaften, durch die ich fahre.

Ich habe einen Stellplatz für Wohnmobile ausgewählt, der günstig am Weg liegt. Als ich dort ankomme, entpuppt er sich als Parkplatz an einer Raststätte direkt an der Schnellstraße. Zwar stehen hier schon Wohnmobile und die Übernachtung ist kostenfrei aber eben auch direkt an der stark befahrenen Straße mit dem dazugehörigen Charme. Ich schaue in der App nach einer Alternative und sehe einen Platz direkt unterhalb der Schnellstraße. Dafür muss ich zwar ein Stück zurückfahren aber die Chance auf eine entspannte Nacht ist mir dieser Umweg wert.
Auf dem Weg fahre ich durch Gränna. Hier lerne ich, dass die rot weiß gestreiften Zuckerstangen – die Polkagrisar – von hier stammen. Erfunden wurden sie 1859 in der Küche der Witwe Amalia Eriksson und sind heute in jedem Weihnachtsfilm der USA zu sehen. Mir gefällt der Ort mit seinen farbigen Häusern und so schreibe ich Gränna gedanklich auf die Bucket-List für meinen nächsten Besuch in Schweden. Und bin mir sicher, dass dies nicht der letzte Ort auf dieser Reise sein wird.

In Uppgränna – einem kleinen Dorf nicht weit entfernt – finde ich Unterschlupf bei Martin und Emma, die auf ihrem Grundstück Plätze für 4 Wohnmobile eingerichtet haben. Kein Service aber unverstellte Sicht auf den Vätternsee. Es ist Schwedens zweitgrößter See und ein Paradies für Wasserratten. Will man den See umrunden, kommen gut 300 Kilometer auf den Tacho.


Die Bezahlung meines Stellplatzes ist denkbar einfach. QR-Code scannen, überweisen, fertig. Dachte ich. Doch die dafür zu nutzende App „Swish“ setzt ein schwedisches Konto voraus. Bargeld habe ich keins dabei – schließlich hatte ich gelesen, dass Bargeld in Skandinavien fast nirgendwo angenommen wird. Ich komme mit Martin ins Gespräch, der darauf ziemlich entspannt reagiert. Er will mir später seine Bankverbindung geben. Als ich im Internet nach Überweisungen ins Ausland recherchiere, bin ich über die horrenden Gebühren ziemlich schockiert. Jetzt nehme ich meinen Mut zusammen und spreche meine Nachbarn an. Sie kommen aus Ulm und haben mit Euro bezahlt, dass sie im Briefumschlag in den dafür vorgesehenen Kasten gesteckt haben. Sie bieten an, mir die 15 Euro in bar zu geben und ich sende ihnen das Geld per PayPal. So machen wir es dann auch und ich bin erleichtert. Das hat schon mal gut geklappt.
Als ich später Martin davon berichte, ist er sehr erfreut und wir kommen noch etwas ins Gespräch. Er erzählt mir von seinem Vater, der aus dem nördlichen Norwegen stammt – nahe der russischen Grenze. Mit ihm hat er ganz Norwegen bereist und er gibt mir Tipps, welche Orte er besonders schön fand. Seiner Meinung nach, habe ich eine gute Zeit gewählt für meine Tour. Ich merke, dass ich nicht mehr so richtig aufnahmebereit bin. Der lange Tag in Warnemünde, die wenigen Stunden Schlaf auf der Fähre und auch die Fahrt selbst fordern ihren Tribut. Ein Stück laufe ich noch, dann beende ich den Tag und lege mich in die Koje.
Von Gränna nach Soderhamn

9.40 Uhr schaffe ich es, loszufahren. Für die lange Fahrt ans Nordkapp nehme ich mir pro Tag ein Ziel vor in 300 bis 500 Kilometern Entfernung. Die Fahrt mit dem alten Wohnmobil ohne die ganzen modernen Unterstützungssysteme kann ziemlich anstrengend werden. Und ich fahre die gesamte Strecke ja auch alleine. Beides war mir klar, als ich die Entscheidung getroffen habe. Erreiche ich mein gestecktes Ziel, ist es gut. Wenn nicht, dann auch. Ich möchte mich nicht überschätzen und gehe lieber auf Nummer sicher.
Mein heutiges Ziel ist Soderhamn, immer entlang der Ostsee, die weiter im Norden zum Bottnischen Meerbusen wird. Viel passiert nicht auf der Strecke. Ich tanke einmal, denn meine alte Lady ist schon ziemlich durstig. Gegen 18.40 Uhr habe ich die 526 Kilometer geschafft und parke an der Marina in Söderhamn ein. Die Anmeldung geht hier unkompliziert über QR-Code. Per E-Mail bekomme ich dann den Code für das Sanihaus. Hier gibt es mehrere Toiletten und Duschen, eine Küche und zusätzlich noch Trinkwasserversorgung plus Entsorgung der WoMo-Toilette. Dazu noch ein schöner Blick auf den Hafen der Stadt.

Kurz nach meiner Ankunft spricht mich ein junger Schwede an und stellt mir eine Frage. Ich verstehe kein Wort, denn er spricht schwedisch. Mein Nachbar hilft: es ist der Betreiber des kleinen Cafes direkt am Stellplatz, dass er gleich schließt. Drei seiner Zuckerschnecken konnte er nicht verkaufen und bietet sie uns als kostenloses Geschenk an. Das gefällt mir und auch wenn ich noch etwas skeptisch gegenüber dem Süßkram bin, nehme ich ihm zwei Schnecken ab.
Ich lege die beiden in den Kühlschrank, dann mache ich mich bereit für die Nacht. Es war ein langer, anstrengender Tag. Aber ich bin auch ein gutes Stück Richtung Norden gekommen.

Weiter Richtung Finnland
Am nächsten Morgen wache ich auf, weil mir die Sonne direkt ins Gesicht scheint. Als ich auf die Uhr sehe, ist es 4 Uhr. Viel zu früh, um den Tag zu beginnen. Energisch schiebe ich das Verdunklungsrollo ganz nach oben und lasse mich wieder auf das Kissen fallen. Zwei Stunden später werde ich endgültig wach. „Weiße Nächte“, „Mitternachtssonne“ – Begriffe, die ich immer wieder gehört oder gelesen habe. Aber was es wirklich bedeutet, werde ich erst auf dieser Reise verstehen.
Ich trinke meinen Kaffee mit Blick auf die Marina und plane die Tagesetappe. So weit wie möglich nach Norden. Nach einer erfrischenden Dusche tippe ich schließlich Skellefteå ins Navi. Es ist zehn Minuten vor neun Uhr – so zeitig bin ich selten schon unterwegs.
Ungefähr auf halber Strecke erreiche ich die Höga Kusten. Die roten Steinformationen habe ich eher zufällig auf der Landkarte gefunden. Sie sind im Skuleskogen Nationalpark und sollen sehr sehenswert sein. Als ich jedoch dort ankomme, sehe ich auf dem Stellplatz schon einige Wohnmobile und auch so scheint es recht trubelig zu sein. Dazu kommt, dass ich erst 222 Kilometer gefahren bin. Ich verwerfe meinen Plan, schreibe auch die Höga Kusten auf die Bucket-List und fahre weiter.



Zwischenstopp in Pitsund
Nach insgesamt 602 Kilometern biege ich auf den Stellplatz von Lennart Moren in Hortlax ab. Dort werde ich sehr herzlich empfangen und bekomme erst einmal eine ausführliche Tour durch sein Grundstück, auf dem er Stellplätze für Wohnmobile und Wohnwagen eingerichtet hat. Es ist alles da: Ver- und Entsorgung, Toiletten, Duschen. Als ich bezahlen will, zückt er sein mobiles Kartenlesegerät, gibt den Preis ein und hält es mir hin. Hier finde ich das bargeldlose Schweden, von dem ich zuvor so viel gelesen und gehört habe.



Auf dem Stellplatz sind mehrere Wohnmobile aus Schweden, eins ist aus den Niederlanden und direkt neben mir steht ein Kastenwagen aus Delitzsch. Unsere Nummernschilder bringen uns direkt ins Gespräch. Wir sind die gleiche Strecke gefahren und die beiden wollen ebenfalls ans Nordkapp mit einem Besuch beim Weihnachtsmann in Rovaniemi. Sie sind noch ein bisschen schneller unterwegs, da ich mit Laika meist nur 100 km/h fahre.
Dieser Tag verabschiedet sich mit einem Wolkenspektakel. Während auf der einen Seite die Sonne orange hinter den Bäumen verschwindet, gibt sie auf der anderen Seite noch dem Regenbogen Farbe.


