Dies ist Teil 11 der Serie „Mit dem Wohnmobil ans Nordkapp“ – die ganze Serie findest du hier.
Als ich aufwache, ist der Himmel bedeckt. Das ist schade, denn zwischen den Wolken verstecken sich die sieben Schwestern. So heißt eine Bergkette, die ich vom Stellplatz aus sehen könnte – wenn sich die Wolken nicht über sie gelegt hätten. Von den sieben Schwestern habe ich das erste Mal im Trollmuseum in Tromsø gelesen.

Der Sage nach hatte der Troll Suliskongen sieben schöne, aber wilde Töchter. Um ihnen Manieren beizubringen, holte er die kluge Lekamøya zu sich. Eines Abends jedoch schlichen sich die Mädchen ans Meer hinaus. Sie wurden von Hestmannen entdeckt, der sich sofort in Lekamøya verliebte. Aus Angst flohen alle, Lekamøya am weitesten. Der wütende Hestmannen schoss ihr einen Pfeil hinterher. Da warf der Troll Skarsfjellgubben seinen Hut nach dem Pfeil und beide fielen ins Meer. In diesem Moment ging die Sonne auf und alle Trolle erstarrten zu Stein. Die sieben Schwestern sind bis heute von Sandnessjøen aus zu sehen, Lekamøya liegt 180 Kilometer weiter südlich.
Es regnet und rund um Trondheim – meinem nächsten Ziel – ist Sturzflut-Gefahr angesagt. Bis dahin sind es aber noch ein paar Kilometer. Also fahre ich erst mal los: Immer die E6 entlang nach Trondheim.
Laksforsen Wasserfall
Rund 30 Kilometer südlich von Mosjøen lege ich am Laksforsen den nächsten Stopp ein. Der Wasserfall ist mit 17 Metern Fallhöhe zwar nicht besonders hoch, dafür rauschen hier gewaltige Wassermassen über die Felsen. Bis zu 700 Kubikmeter Wasser pro Sekunde sollen es sein.

Der Laksforsen gehört zum Fluss Vefsna. Ende des 19. Jahrhunderts soll es hier so viele Lachse gegeben haben, dass man sie teilweise mit bloßen Händen fangen konnte. Schon der Blick vom Restaurant oberhalb des Wasserfalls ist beeindruckend. Dann entdecke ich einen schmalen Pfad, der weiter runter zum Fluss führt. Dann stehe ich nur wenige Meter neben dem tosenden Wasser und lasse mir die Gischt um die Nase wehen. Und immer wieder lugt die Sonne durch eine kleine Wolkenlücke.

Irgendwann steige ich den Pfad wieder hinauf, gehe kurz in den Souvenirladen direkt im Restaurant, kaufe ein paar Mitbringsel und fahre schließlich weiter.
Auf den nächsten Kilometern erinnert mich alles an British Columbia in Kanada: diese endlos scheinende Weite, die Berge, Wälder und Seen. Und sogar die gelbe Fahrbahnmarkierung.



Trøndelag
Irgendwann führt mich die Straße raus aus der Region Nordland und rein in die Region Trøndelag. Ein bisschen Wehmut schwingt hier schon mit. Denn jetzt bin ich wirklich nicht mehr im Norden.

Direkt an der E6 mag ich nicht übernachten. Meine App zeigt mir einen Platz ein Stück abseits. Also biege ich rechts ab und fahre die 13 Kilometer bis zum Hoylandet Bobilparkering. Als ich dort ankomme, ist es nur ein einfacher Schotterparkplatz mit einigen imposanten Schlaglöchern. Der Platz ist scheinbar mehr ein Haltepunkt für LKW statt eines Stellplatzes für Wohnmobile. Kurz nach mir kommt dann auch schon der erste an. Er scheint ebenfalls hier zu übernachten. Kurz danach kommt der nächste LKW, entkoppelt seinen Anhänger und fährt wieder davon. Nur wenige Minuten später ist er zurück. Er koppelt den Anhänger wieder an und verschwindet genau so schnell, wie er gekommen ist.
Noch bin ich die einzige mit Wohnmobil, aber schließlich kommt ein Paar aus Fulda an. Auch sie wollen hier parken, haben aber keine App für die Bezahlung. Ich biete ihnen an, ihr Ticket zu zahlen und die beiden sind sehr erleichtert, doch noch legal und ohne Gefahr eines Strafzettels hier bleiben zu können. Wir unterhalten uns noch eine Weile, dann ziehen wir uns in unsere Autos zurück.

Als ich am nächsten Morgen aufstehe, habe ich endlich auch entschieden, wie ich jetzt weitermache. Mein Plan ist: erst Trondheim, dann Røros und schließlich zur Fähre nach Trelleborg. Dafür muss ich aber noch nicht gleich wieder auf die E6 zurück, denn in Hoylandet biegt die Fv17 ab. Der folge ich dann auch, entlang der schmalen Straße durch unbewohntes Gebiet und kleine Orte.
Plötzlich sehe ich linkerhand eine Kirche, deren Bauart mir sofort gefällt. Sie ist geschlossen aber auch von außen wirklich sehenswert. Das lustigste sind aber die beiden Rasenmähroboter, die links und rechts des Weges zwischen den Grabsteinen ihrer Arbeit nachgehen. Dabei stoßen sie immer mal wieder an die Grabsteine, stoppen kurz, drehen und fahren weiter. Sehr erheiternd.


Inderøy – der goldene Umweg an der E6
Kurz darauf entdecke ich ein Schild mit der Aufschrift „Den Gyldne Omvei“ – der Goldene Umweg. Das klingt schon so, als müsste ich abbiegen.
Die Route führt über die Halbinsel Inderøy durch eine Landschaft, die sich deutlich von den letzten Tagen unterscheidet. Statt schroffer Berge und fast menschenleerer Küste liegen hier grüne Felder, Höfe und kleine Orte zwischen den Armen des Trondheimsfjords. Landwirtschaft prägt die Region bis heute. Entlang des Goldenen Umwegs haben sich zahlreiche kleine Produzenten, Hofläden, Cafés, Galerien und Kunsthandwerker angesiedelt.
Eigentlich wäre das eine Strecke, für die man sich sogar mehrere Tage Zeit nehmen könnte. Die habe ich aber leider nicht mehr. Trotzdem gefällt mir der Umweg. Immer wieder versuche ich zu einem der Hofläden zu fahren. Aber die Zufahrten sind meist gerade mal breit genug für einen PKW und die Straße selbst ist zu schmal, um kurz am Straßenrand zu parken. Bei der Inderøy-Brennerei fasse ich mir ein Herz und fahre dann doch in die schmale Zufahrt herein. Um zum Hof zu gelangen, muss ich Laika erst einen ziemlichen Anstieg hinauf- und schließlich rechts herum durch eine Haarnadelkurve fahren. Als ich endlich oben ankomme, stehen auf dem Hof zwei noch größere Wohnmobile.
Ich stöbere ein bisschen im Laden und nehme ein paar Erinnerungen mit. Den hausgebrannten Aquavit kann ich leider nicht im Hofladen kaufen. Hochprozentigen Alkohol dürfen in Norwegen nur die staatlichen „Vinmonopolet“ verkaufen. Eine eigene Genehmigung für ihre Produkte erhalten die Besitzer des Hofladens aber voraussichtlich im nächsten Jahr, erzählt mir die Frau hinter der Kasse.
Auf dem Weg vom Hof wieder nach unten sehe ich, dass es eine sehr viel einfachere Zufahrt zum Hof gegeben hätte. Aber einfach kann ja jeder.


In Straumen sehe ich meinen zweiten Gezeitenstrom auf dieser Reise. Viermal täglich werden zwischen Trondheimsfjord und Borgenfjord große Wassermassen durch die schmale Meerenge gedrückt. Er ist nicht ganz so stark wie der Saltstraumen aber er gehört zu den stärksten Gezeitenströmen Nordeuropas.

Als ich beim Rema um die Ecke noch ein paar Sachen einkaufen will, muss ich über das Werbeplakat laut lachen. Ich habe mich trotzdem reingetraut und bin heil wieder rausgekommen.

Steinvikholmen
Mein Übernachtungsplatz liegt direkt an der Festungsruine Steinvikholmen. Sie wurde ab 1525 vom letzten katholischen Erzbischof Norwegens, Olav Engelbrektsson, errichtet. Für ihre Zeit war sie eine moderne Festung, allerdings war die Wahl der kleinen Insel strategisch eher ungünstig. Schon wenige Jahrzehnte später verlor Steinvikholmen an Bedeutung. Bei meinem Besuch ist die Anlage geschlossen, aber ich kann eine Runde um die alten Mauern laufen.

Ein Stück oberhalb der Burg befindet sich ein Bauernhof mit kleinem Hofladen.

Auf der Wiese nebenan grasen Alpakas. Einer davon mustert mich sehr aufmerksam, so dass ich es vorziehe, wieder zurückzugehen.

Als ich zurückkehre, haben neben mir zwei junge Frauen eingeparkt, die zusammen mit ihrem Hund – vermutlich einem Labrador Retriever – in einem kleinen VW T4 unterwegs sind. Im Vergleich mit den dreien bin ich mit einer regelrechten Villa unterwegs.
Trondheim
Am nächsten Morgen fahre ich die letzten Kilometer nach Trondheim. Erstaunlicherweise finde ich ziemlich schnell einen Parkplatz direkt an der Nidelva und kann von hier zu Fuß losziehen.
Mein erster Weg führt mich zu einem Flohmarkt, der gerade in der Stadt stattfindet. Ich schlendere eine Weile zwischen den Ständen hindurch und gehe anschließend weiter zum Torvet, dem großen Marktplatz im Zentrum von Trondheim. Über dem Platz steht die hohe Säule mit der Statue von Olav Tryggvason, dem Gründer der Stadt.

Danach lasse ich mich einfach treiben. Trondheim ist mit rund 200.000 Einwohnern zwar eine der größeren Städte Norwegens, fühlt sich für mich aber erstaunlich überschaubar an. Viele der Straßen im Zentrum sind von alten Holzhäusern geprägt, dazwischen tauchen immer wieder kleine Geschäfte und Cafés auf.
Irgendwann lande ich wieder an der Nidelva. Hier gefällt mir Trondheim besonders gut. Direkt am Wasser stehen die alten, bunt gestrichenen Speicherhäuser auf ihren Holzpfählen. Einige stammen aus dem 18. und 19. Jahrhundert und erinnern daran, welche Bedeutung der Handel für Trondheim hatte.



In einem der Häuser lacht mich eine merkwürdige Deko-Kombination an.

Plötzlich öffnet der Himmel seine Schleusen. Ich habe zwar einen Schirm dabei, aber die Norweger – so habe ich gelesen – nutzen kaum Schirme. Die Schauer kommen und gehen oft so schnell, dass es sich nicht lohnt, sie zu öffnen. Ich stelle mich also unter einen Baum und warte. Nach vielleicht fünf Minuten ist der Spuk vorbei und ich kann weitergehen. Und schmunzle im Stillen über die „Touristen mit den Regenschirmen“.

Inzwischen ist auch Ursel in der Stadt angekommen und wir bummeln zusammen weiter. Über die rote Gamle Bybro wechseln wir auf die andere Seite des Flusses und laufen durch Bakklandet. Das ehemalige Arbeiterviertel mit seinen kleinen bunten Holzhäusern ist heute eines der bekanntesten Viertel Trondheims. Und obwohl hier natürlich auch Touristen unterwegs sind, wirkt es angenehm unaufgeregt.

Nach den vielen Tagen mit Fjorden, Bergen, kleinen Orten und ziemlich viel Landschaft, gefällt es mir hier. Vielleicht auch, weil das Wasser, die alten Holzhäuser und kleinen Straßen dafür sorgen, dass Trondheim sich in dieser Gegend nicht wie eine Großstadt anfühlt.


Dann erreichen wir auch den Nidarosdom. Mit seinem Bau wurde bereits um 1070 begonnen, über dem Grab von Olav dem Heiligen. Im Mittelalter entwickelte sich der Dom zu einem der bedeutendsten Pilgerziele Nordeuropas. Brände und jahrhundertelanger Verfall setzten dem Bau später schwer zu; ab 1869 wurde er umfassend restauriert.

Von außen ist der Dom schon beeindruckend. Ursel wartet draußen, ich hole mir ein Ticket und trete ein. Erst drinnen erkenne ich die wahre Dimension dieses Bauwerks. Ich laufe durch den Dom und lasse die mächtigen Pfeiler, verzierten Fenster und die unterschiedlichen Lichtspiele auf mich wirken.

Besonders auffällig sind die beiden Orgeln. Die große Steinmeyer-Orgel mit ihren gewaltigen Pfeifen steht im westlichen Teil des Doms. Ganz anders wirkt die historische Wagner-Orgel aus dem 18. Jahrhundert mit ihrem reich verzierten Prospekt.


Dann verabschieden Ursel und ich uns voneinander. Ursel will zu den Fjorden runter, ich muss langsam Kilometer machen. Laika wartet auf mich, ich steige ein und komme ohne größeren Stau aus der Stadt.
Erst immer entlang der E6, dann biege ich ab und folge dem Fluss Gaula nach Osten.

In Tenøya finde ich einen Platz auf dem Saga Camping. Und werde sehr herzlich von Andre begrüßt, einem Niederländer, der sich hier ein neues Zuhause geschaffen hat. Kurz darauf verschwindet die Sonne in einem spektakulären Schauspiel hinter dem Berg.

Karte und Fahrstrecken dieser Tour
Sandnessjøen bobilcamping – Laksforsen: 93 Kilometer
Laksforsen – Bobilparkering Hoylandet: 163 Kilometer
Bobilparkering Hoylandet – Ranem Kirche: 26 Kilometer
Ranem Kirche – Straumen: 120 Kilometer
Straumen – Steinvikholm: 67 Kilometer
Steinvikholm – Trondheim: 45 Kilometer
Trondheim – Saga Camping: 104 Kilometer
Dies ist Teil 11 der Serie „Mit dem Wohnmobil ans Nordkapp“ – weiter geht es in Teil 12 (folgt in Kürze)
Die ganze Serie findest du hier.


