Dies ist Teil 8 der Serie „Mit dem Wohnmobil ans Nordkapp“ – die ganze Serie findest du hier.
Mit dem Verlassen der Insel Senja starte ich in einen Fahrtag quer durch die Region Troms und durch einen Teil der Region Nordland. Hinter jeder Kurve der E6 (Europastraße 6) wartet eine neue Aussicht: grüne Täler, von den Bergen stürzende Wasserfälle, kleine Seen direkt neben der Straße. Ich lasse mir Zeit, halte immer wieder an und schaue. Rund 300 Kilometer bin ich so unterwegs.

Ankunft auf den Lofoten
Das Schild, das mir die Ankunft auf den Lofoten verkündet, kommt so überraschend, dass ich für ein Foto zu spät bin. Deshalb muss diesmal ein Screenshot aus Google Maps aushelfen.


Im Norden von Austvågøya, der östlichsten und zugleich größten Insel der Lofoten, übernachte ich auf einem Rasteplass am Sløverfjord. Erst stehen wir zu dritt dort. Doch kurze Zeit später parkt ein VW Caddy direkt hinter mir. Im ersten Moment glaube ich, das Pärchen sei vom norwegischen Ordnungsamt und beginnt gleich damit, Knöllchen zu verteilen. Als die beiden sich später zum Schlafen bereit machen, muss ich sehr über mich selbst schmunzeln.

Ohne Knöllchen und gut ausgeschlafen fahre ich am nächsten Morgen gen Süden. Immer wieder bleibe ich stehen. Die Kombination aus den mit grünen Bäumen und Wiesen bewachsenen Berge und dem Blau des Meeres ist schon beeindruckend. Kommen dann noch die farbigen Tupfer von Häusern dazu, ist der nordische Kitsch nahezu grenzenlos.
Genau das ist es vermutlich, was die Lofoten so anziehend macht. Dieses Zusammenspiel von schroffen Bergen und flachen Inseln, auf denen es sich die Menschen eingerichtet haben.
Ich erlebe das alles im Sommer, mit Mitternachtssonne, langen Tagen und überraschender Wärme. Und ich frage mich, wie sich das Leben im Winter anfühlt, wenn die Dunkelheit den Alltag bestimmt.

Die Vågan-Kirche in Kabelvåg
Kurz vor elf Uhr erreiche ich die Vågan-Kirche in Kabelvåg. Sie ist die größte Holzkirche oberhalb von Trondheim und bietet Sitzplätze für 1.200 Menschen. Das hat ihr auch den Spitznamen „Lofoten-Kathedrale“ eingebracht. Ihre Größe hatte einen ganz praktischen Grund. Durch sie sollten alle Fischer während der Winter-Fangsaison den Gottesdienst besuchen können. Kabelvåg war seit Jahrhunderten das religiöse und wirtschaftliche Zentrum des Fischfangs der Inselgruppe.
Gerade findet noch ein Gottesdienst statt, deshalb bleibt sie noch eine Weile für mich verschlossen. Ein perfekter Zeitpunkt für ein frühes Mittagessen.

Auf der anderen Seite der Straße liegt der Friedhof, den ich mir jetzt anschaue. Zwischen den meisten Grabsteinen hat sich eine blühende Wiese gebildet. Mir gefällt diese „Unordnung“. So wirkt der Ort natürlicher und vielleicht sogar ein bisschen historisch.

Dann ist es Mittag und der Gottesdienst ist vorbei.
Ich gehe zurück zur Kirche, zahle die 5 Euro Eintritt – natürlich mit Karte – und trete ein. Der Innenraum wirkt überraschend groß und lichtdurchflutet. Trotz der 1.200 Sitzplätze fühlt sich die Kirche nicht wuchtig an, sondern offen und fast filigran. Das Inventar ist schlicht und passt gut zur klaren Architektur. Nach ein paar Minuten bin ich wieder draußen und fahre schließlich weiter.

Knapp 20 Kilometer später erreiche ich Henningsvær.
Henningsvær – Alltag zwischen Tourismus und Fischerei
Der Parkplatz liegt ein Stück außerhalb des Ortes. Ich habe inzwischen gelernt, dass hier andere Regeln gelten. Die meisten Orte auf den Lofoten liegen auf kleinen Schären. Viel Platz gibt es dort nicht – die Inseln bieten eben nur so viel Raum, wie der Fels hergibt. Noch ist keine Hauptsaison, aber es sind schon einige Wohnmobile unterwegs. Wie sich das entwickelt, wenn in nur wenigen Tagen die norwegischen Sommerferien beginnen, mag ich mir gar nicht ausmalen.
Ich parke auf dem offiziellen Wohnmobil-Parkplatz, stelle den Timer in der EasyPark-App und laufe über die Brücke in den Ort.


Direkt am Ortseingang empfängt mich dieser Hinweis, der mich erstmal innehalten lässt.

„Bedenke, Du befindest dich mitten im Alltag eines anderen.“ lese ich. Er erinnert daran, dass Henningsvær ein Ort ist, an dem Menschen leben und arbeiten. Und ich frage mich, welche Erfahrungen die Einheimischen hier gemacht haben, dass ein solcher Hinweis überhaupt nötig geworden ist.
Schon vor meiner Reise hatte ich gelesen, dass viele Einheimische unter den Folgen des Tourismus leiden: Drohnen über Wohnhäusern, Camper auf Privatgrundstücken oder menschliche Hinterlassenschaften in der Natur. Ab 2027 soll deshalb eine Touristenabgabe helfen, die Infrastruktur auszubauen. Ob das allein reicht, wird sich zeigen.

Nach nur wenigen Schritten stehe ich mitten in Henningsvær, das auf zwei kleinen Inseln liegt – Heimøya und Hellandsøya. Beide sind durch eine Mole miteinander verbunden. Früher ein bedeutender Fischereiort, erlebte er in den 1980er Jahren einen starken wirtschaftlichen Abschwung. Heute prägen Galerien, Cafés und Werkstätten den Ort und er gilt als einer der schönsten Orte der Lofoten. Viel Platz ist naturgegeben nicht, so dass sich die Holzhäuser eng aneinander am Hafen und auf den Fels schmiegen.


Schon seit 1.000 Jahren kommen die Fischer im Winter zum Kabeljaufang auf die Lofoten, wo sie früher zu mehreren in einfachen Fischerhütten – den Rorbuer – auf engstem Raum hausten. Heute haben sich viele dieser Unterkünfte in zum Teil außergewöhnliche Hotels und Ferienwohnungen verwandelt. Auch die ehemalige Tischlerei Trevarefabrikken ist einer dieser besonderen Orte. Neben einer Bar und einem Café bietet sie Platz für Musik, Kunst und Events und Hotelzimmer mit besonderem Charakter.

Plötzlich dröhnt es über mir und drei Militärjets in Formation fliegen im Tiefflug über mich hinweg. Ich finde das ziemlich gruselig, erinnert es mich doch sehr an die aktuelle Lage in Europa. Nordnorwegen ist ein bedeutender Standort für das norwegische Militär. Die Region liegt nahe der russischen Nordflotte auf der Kola-Halbinsel, weshalb Militärflugzeuge hier fast schon zum Alltag gehören. So schnell die Krachmacher gekommen sind, so schnell verschwinden sie dann auch wieder.


Der Fußballplatz von Henningsvær
Ich bummle weiter durch den Ort, überquere die Mole und stehe plötzlich vor einem der vielleicht bekanntesten Fußballplätze der Welt. Fotos davon hatte ich schon im Internet gesehen, doch dass er sich hier in Henningsvær befindet, hatte ich nicht abgespeichert. Ich bin sehr überrascht und freue mich, jetzt doch auf dem berühmten Feld zu stehen. Und damit auch vor einem gut sichtbaren Schild „Drohnen verboten“. Kaum gelesen, höre ich das unverwechselbare Geräusch einer aufsteigenden Drohne und denke mir meinen Teil. Jetzt wird mir einmal mehr die Bedeutung des Schildes am Ortseingang klar. Ironischerweise waren es ausgerechnet spektakuläre Drohnenaufnahmen, die den Platz weit über Norwegen hinaus bekannt machten.
Tribünen sucht man vergeblich auf dem Platz, der dafür von den Holzgestellen für den Stockfisch umgeben ist. Trainiert und gespielt wird hier zu jeder Jahreszeit. Im Sommer unter der Mitternachtssonne, im Winter kann man unter den Polarlichtern nach dem Ball jagen. Viele Besucher kommen vermutlich vor allem wegen eines Fotos hierher, für die Einheimischen jedoch ist es einfach ein ganz normaler Fußballplatz.

Gleich neben dem Platz steht der Leuchtturm. Der ist in Privatbesitz und damit vermutlich der ruhigste Ort auf der Insel.


Die großen Holzgestelle, die überall im Ort stehen, habe ich auch schon an anderer Stelle auf den Lofoten gesehen. Sie gehören genauso zum Landschaftsbild wie die roten Fischerhäuser. Im Frühjahr wird hier der Kabeljau direkt nach dem Fang aufgehängt und zwei bis drei Monate in der kühlen Meeresluft getrocknet. Dabei verliert der Fisch den Großteil seines Wassers. So behält er seine Nährstoffe und bleibt lange haltbar. Schon die Wikinger machten sich dieses Verfahren zunutze und exportierten den Stockfisch bis nach Südeuropa. Bis heute gehören die Lofoten zu den wichtigsten Regionen für die Stockfischproduktion. Und Italien gehört noch immer zu den größten Abnehmern.
Bei meinem Besuch sind die Gestelle bereits leer. Nur wenige Wochen zuvor hingen hier noch Tausende Kabeljaue zum Trocknen. Eigentlich hätte ich gern ein noch volles Gestell gesehen, bin mir aber nicht sicher, wegen des Geruchs.

Auf dem Weg zurück zu Laika sehe ich plötzlich einen Windsurfer, der mit hoher Geschwindigkeit über das Wasser fegt. Dafür ist der Wind heute perfekt geeignet und ich spüre förmlich die Kraft, mit der er das Segel festhalten muss. Normalerweise denke ich bei surfen an Strände in Kalifornien oder in der Karibik. Dass sich ausgerechnet die Lofoten zu einem beliebten Revier für Wind- und Wellenreiter entwickelt haben, hätte ich vor dieser Reise nicht gedacht.

Übernachtung in Vestresand
Jetzt suche ich einen Platz zum Schlafen. Als ein einfaches braunes Verkehrszeichen auf den Torvdalshalsen Rasteplass weist, biege ich rechts ab und genieße den spektakulären Ausblick.

Übernachten ist hier nicht erlaubt und Park- oder Campingplätze sind in dieser Gegend entlang der E10 ziemlich dünn gesät. Also fahre ich wieder ein Stück zurück und biege schließlich auf die Küstenstraße ab. In Vestresand finde ich schließlich einen wunderbaren Ort für die Nacht. Hier haben die Einwohner eine recht pragmatische Lösung für die vielen Besucher gefunden und ein Stück der Parkfläche vor dem Gemeindehaus gegen eine freiwillige Spende als Wohnmobil-Stellplatz bereitgestellt. Dadurch vermeiden sie, dass die Camper überall wild stehen. So sind wir dann auch zu acht auf der kleinen Parkfläche.

Am nächsten Morgen werde ich von Hundegebell geweckt. Zuerst habe ich einen der Nachbarn in Verdacht. Kurze Zeit später sehe ich den Dackel, dem das warten im Auto so gar nicht gefällt. Und dann macht der Nachbar links von mir auch noch das Radio an. Sein Musikgeschmack trifft meinen nicht, deshalb packe ich meine Sachen zusammen und düse weiter.
Ich habe es nicht weit zu meinem nächsten Ziel: das Wikingermuseum in Borg.
Das Lofotr Wikingermuseum in Borg
Ich bin schon zeitig hier – noch bevor das Museum öffnet. Ich mag es mir gern in Ruhe ansehen. Schon von der Straße sehe ich den Nachbau des riesigen Langhauses. Auf dem Parkplatz stehen schon ein paar Wohnmobile und es werden schnell mehr. Und so stehe ich dann doch in einer kleinen Schlange an der Kasse.
In den 1980er Jahren wurde hier eine Siedlung ausgegraben, die vermutlich zwischen dem 2. und 15. Jahrhundert bestand. Schätzungen gehen davon aus, dass sich hier in der Wikingerzeit mindestens 115 Höfe mit 1.800 Bewohnern befanden. Das ausgegrabene Langhaus war vermutlich der Hauptsitz. Auf 83 Metern beherbergte es neben Wohn- und Schlafräumen auch Stallungen.

Die Ausstellung im Nachbau bietet nicht nur Einblicke in das Leben der Wikinger. Es gibt Handwerksvorführungen und im Bankettsaal köchelt eine Suppe nach Wikingerart über dem offenen Feuer.


Man merkt, mit wie viel Herzblut und viel Liebe zum Detail alles aufgebaut ist. Aber so richtig holt mich das Ganze nicht ab. Mir ist es zu groß und es sind doch schon recht viele Menschen zu Besuch. Aber es gibt ein paar sehr charmante Details. Zum Beispiel die Verzierungen an den Türen oder das Schild „Notausgang“ im Wikingerstyle.

Hier finde ich dann auch den Stockfisch, der zum Trocknen direkt im Hausflur hängt. Vermutlich aber schon so lange, dass sein Geruch vollständig verflogen ist oder durch die ebenfalls aufgehängten Bündel getrockneter Pflanzen vermindert wird.

Dann trete ich nach draußen und folge den Holzpfeilen, auf denen der Weg zum Schiff angezeigt wird. Dabei bin ich eine Weile unsicher, ob ich richtig bin. Denn nicht nur verlasse ich das Gelände des Museums, ich muss sogar ein Stück über Privatland laufen, um zum Fjord zu gelangen. Auf dem Weg dahin kommt gerade ein dicker SUV an, aus dem ein zünftiger Wikinger in typischer Kleidung steigt. Einzig die Kopfhörer in den Ohren und die Plastiktüte in seiner Hand stören die Optik.

Und dann erreiche ich den Schiffsanleger des Museums. Auch hier gibt es einiges zum ausprobieren: Hufeisenweitwurf, Axtwerfen und Bogenschießen. Und schließlich das nachgebaute Wikingerschiff. Als ich es mir so ansehe, kommt ein Wikinger auf mich zu. Er erzählt mir einiges: so passen in das Boot bis zu 50 Menschen, was aber kaum Sinn macht, da es dann nicht mehr manövrieren kann. Aber 30 Menschen sind durchaus eine realistische Besatzungsstärke. Als ich ihn frage, wie es hier im Winter so ist, muss er dann doch passen. Er stammt nämlich aus Italien und arbeitet am liebsten an Orten mit viel Sonnenschein. Deshalb verbringt er die Sommer unter der Mitternachtssonne und die Winter dann im warmen Süden.

Jetzt bin ich satt von den Eindrücken und laufe den Berg hoch zurück zum Museum und zur Laika. Auf dem Parkplatz steht jetzt auch ein Reisebus. Aus Zwickau. Die Sachsen sind eben doch überall.
Dies ist Teil 8 der Serie „Mit dem Wohnmobil ans Nordkapp“ – weiter geht es in Teil 9 (folgt in Kürze)
Die ganze Serie findest du hier.


