Dies ist Teil 6 der Serie „Mit dem Wohnmobil ans Nordkapp“ – die ganze Serie findest du hier.

Am nächsten Morgen sehe ich als erstes nach meinen kleinen tierischen Nachbarn. Das Nest ist verlassen und ich kann sie auch auf dem Platz nicht sehen. Vorsichtig gehe ich ein Stück näher an das Nest. Und tatsächlich – drei Eier liegen mitten in der Feuerstelle. In Gedanken wünsche ich allen Glück und den Menschen, einen scharfen Blick, denn die Eier sind recht gut getarnt. Zum Glück wird es nicht dunkel, so dass sie in der Feuerstelle durchaus bemerkt werden können. Und auch die Temperaturen sollten den Wunsch nach einem wärmenden Feuer eher nicht beflügeln.

Vogelnest mit drei Eiern in einer Feuerstelle auf einem Stellplatz in Nordnorwegen

Die Nacht war ruhig. Das bemerke ich aber erst, als am Morgen der erste LKW an uns vorbeirauscht. Ab neun Uhr abends ist kaum noch ein Auto auf der Schnellstraße unterwegs. So kann sich die Stille zwischen Bergen und Wasser ausdehnen. Hatte ich zu Beginn meiner Reise darüber nachgedacht, warum die Menschen ihre Häuser so nah an stark befahrenen Straßen bauen, wird es mir hier immer mehr klar.

Wohnmobil an der E6 in Nordnorwegen mit vorbeifahrendem LKW

Durch Troms Richtung Tromsø

Ich fahre wieder auf die E6 und fahre entlang des Langfjord nach Süden. Mit seinen 35 Kilometern Länge schneidet er sich tief zwischen die Berge Nordnorwegens. Die weiten Hochebenen der Finnmark liegt hinter mir. Die Berge rücken näher zusammen und die Fjorde werden schmaler. Ich bin jetzt in der Region Troms. Die statistische Bevölkerungsdichte steigt hier von 1 km² in der Finnmark auf 6,5 Menschen pro km². Und das merke ich auch. Ich fahre jetzt häufiger vorbei an kleinen Höfen und durch Ortschaften. Auch die Entfernungen dazwischen werden kleiner.

Straße entlang des Langfjords in Nordnorwegen
Langfjord

Bognelv am Langfjord in der Region Troms
Bognelv

Nach knapp fünfzig Kilometern entdecke ich einen kleinen Rastplatz an der E6. Eigentlich möchte ich mir nur kurz die Beine vertreten. Doch dann entdecke ich eine Gedenktafel.

Geländespuren ehemaliger Schneezäune aus dem Zweiten Weltkrieg in Nordnorwegen

Während des Zweiten Weltkriegs war Nordnorwegen von großer strategischer Bedeutung für die deutsche Wehrmacht. Damit die wichtigen Verkehrswege auch im Winter für den Nachschub an die Nord- und Ostfront passierbar blieben, wurden Straßen ausgebaut, Verteidigungsanlagen errichtet und selbst in den Bergen Schneezäune und Tunnel gebaut. Viele dieser Arbeiten mussten Kriegsgefangene als Zwangsarbeiter verrichten. Allein an diesem Ort befand sich von August bis November 1942 ein Lager, in dem rund 400 norwegische Häftlinge untergebracht waren. Darunter auch jüdische Gefangene aus den Lagern Grini und Falstad.

Historische Schneezäune zum Schutz der Straßen in Nordnorwegen während des Zweiten Weltkriegs

Beim Rückzug der deutschen Truppen im Herbst 1944 hinterließen sie „verbrannte Erde“. Sie zerstörten nicht nur Straßen und militärische Anlagen. Ganze Orte in der Finnmark und Nord-Troms wurden niedergebrannt, die Bevölkerung zwangsweise evakuiert. Oberhalb der Straße entdecke ich lange, parallele Strukturen im Gelände. Vieles spricht dafür, dass sie mit den ehemaligen Schneezäunen zusammenhängen. Sicher bin ich mir aber nicht. Doch selbst ohne die Gewissheit wirkt die Landschaft jetzt anders auf mich. Sie ist nicht mehr nur schön. Sie ist durchzogen von Kriegsnarben.

Parallele Geländestrukturen ehemaliger Schneezäune in Nordnorwegen

Plötzlich erinnere ich mich an Alta. Dort war mir aufgefallen, wie modern die Stadt wirkt. Erst hier wird mir klar, warum. Alta wurde – wie viele andere Orte in Nordnorwegen – beim Rückzug der Wehrmacht fast vollständig zerstört und musste nach dem Krieg neu aufgebaut werden.

Als ich zurück in der Laika bin, schrillen auf einmal beide Handys los und ich zucke zusammen. Dann denke ich ‚beide Handys – gleichzeitig – das kann nur ein Notfallalarm sein.‘ Und recht habe ich. Auf beiden Displays steht, dass es eine Übung der norwegischen Polizei ist. Grundsätzlich verstehe ich das Ansinnen dahinter. Aber ich hab dennoch meine Schwierigkeiten damit.

Jetzt sind es noch rund 300 Kilometer bis Tromsø, meinem nächsten Ziel. Als ich mir die Strecke anschaue sehe ich, dass ich auf dem Weg dahin auch mit zwei Fähren fahren kann und so rund 100 Kilometer einspare. Gedacht, geplant. Ich tippe „Olderdalen ferjekai“ ins Navi und starte den Motor. Irgendwann biege ich auf die 91 ab und gut zwei Stunden später erreiche ich den Fährhafen. Auf dem Display steht, dass die nächste Fähre in 20 Minuten fährt. Glück gehabt.

Fährhafen Olderdalen am Lyngenfjord
Olderdalen

Ich schlendere ein bisschen durch die Reihen der wartenden Autos, LKW und Wohnmobile und werfe einen Blick auf den Kai. Schon von weitem sehe ich das Schiff, dass sich mit einer leichten Schräglage über den Fjord nähert. Es sind wohl die LKW, die auf einer Seite des Schiffes stehen und mit ihrem Gewicht die PKW und Wohnmobile übertrumpfen.

Autofähre über den Lyngenfjord in Nordnorwegen

Eine viertel Stunde später sind wir auf der Fähre und ohne viel Tamtam legt sie ab. Hier ist eine Fährfahrt nichts Besonderes. Das ist so, als fahre ich zu Hause mit dem Bus. Nur habe ich hier eben mein Wohnmobil dabei. Vierzig Minuten dauert die Fahrt über den Lyngenfjord.

Blick von der Fähre auf Olderdalen am Lyngenfjord
Abfahrt Olderdalen nach Lyngseidet

Als ich an der nächsten Fähre in Svensby ankomme, werde ich ohne Stop direkt aufs Schiff gewunken. Diese Überfahrt dauert nur zwanzig Minuten, dann erreiche ich Breivikeidet.

Wohnmobile auf der Fähre zwischen Svensby und Breivikeidet
Svensby – Breivikeidet

Je näher ich Tromsø komme, desto spärlicher werden die offiziellen Parkplätze an der 91. Zu nah an der Stadt möchte ich auch nicht stehen, deshalb fahre ich gut 40 Kilometer vor Tromsø links ran und stelle mich am Rand des Hamperokken Parkplatzes in die Wohnmobilreihe. Je später der Abend, desto mehr Wohnmobile kommen an, so dass der Platz am Ende gut gefüllt ist. Und über allem verschwindet die Sonne irgendwann hinter den Bergen. Hell bleibt es natürlich trotzdem.

Übernachtungsplatz für Wohnmobile bei Hamperokken vor Tromsø

Hamperokken Parkering

Als ich am nächsten Morgen aufwache, regnet es aus einem trüben, bewölkten Himmel. Während der Nacht war ich ein paar mal wach, konnte aber immer wieder gut einschlafen. So langsam gewöhne ich mich ans Freistehen mit dem Wohnmobil. Und da ich mir zudem Orte aussuche, wo mindestens ein weiteres Wohnmobil steht, fühle ich mich auch recht sicher.
Drei der neun Wohnmobile sind schon weg, als ich nach draußen schaue. Ihre Abfahrt habe ich nicht mitbekommen.

Tromsø mit dem Wohnmobil

Kurz vor Mittag erreiche ich Tromsø und fahre zu dem angezeigten Parkplatz für Wohnmobile. Der liegt strategisch günstig direkt am Hafen, seine Zufahrt ist aber ein bisschen versteckt. Wie so oft in Norwegen läuft die Bezahlung über eine App, mein Nummernschild wurde bereits mit der Einfahrt gescannt. Ich stelle den Timer und laufe Richtung Innenstadt. Es regnet. Aber nicht wie zu Hause über Stunden in Strömen. Meist wechseln sich kräftige aber kurze Schauer mit trockenen Phasen ab. Deshalb einen Schirm aufzuspannen macht nicht viel Sinn.

Historische Holzhäuser in der Altstadt von Tromsø in Nordnorwegen

Mein erstes Ziel ist das Polarmuseum. Ich möchte mehr über das Leben hier oben und weiter nördlich in der Arktis erfahren. Das Museum liegt ebenfalls am Hafen und ist nicht weit entfernt.

Yachthafen in Tromsø

Trollmuseum

Auf dem Weg sehe ich an einer Hauswand den Schriftzug „Trollmuseum„. Ein ganzes Museum nur für Trolle? Das muss ich sehen. Spontan biege ich ab und betrete ein ganz normales Bürohaus, in dessen dritter Etage das Museum untergebracht ist. Trolle sind die allerersten Wesen der nordischen Mythologie. Ihre Vorfahren, die Jotner (Riesen) gab es schon vor den Asen – den Göttern. Überall in der norwegischen Landschaft kann man sie finden: Berge und Orte, die an erinnern und deshalb auch oft ihre Namen tragen. Eine der bekanntesten ist vielleicht die Trolltunga (Trollzunge), eine Felsformation auf 1100 Metern Höhe im Bezirk Vestland.

Ich erfahre einiges über Trolle und den norwegischen Volksglauben. In einer Welt, in der das Zusammenleben mit der Natur wichtig für das Überleben war und mancherorts noch ist, gibt man ihr vermutlich ganz automatisch eine Seele. Das Museum ist auch wunderbar für Kinder geeignet – vieles ist zum anfassen und ausprobieren. So mancher Erwachsene – auch ich – entdeckt hier das Kind in sich wieder.

Selfie als Troll im Trollmuseum Tromsø
Selfie als Troll
Größenvergleich eines Trolls im Trollmuseum Tromsø
Größenvergleich

Polarmuseum Tromsø

Als ich aus der Welt der Trolle zurückkehre, habe ich es nicht mehr weit zum Polarmuseum. Die Ausstellung in dem ehemaligen Zollgebäude erzählt die Geschichte vom Leben in der Arktis. Es hat den Charme typischer Heimatmuseen. Viele Vitrinen mit Werkzeugen, Waffen, Kleidung und Alltagsgegenständen. Dazwischen ausgestopfte Tiere und Puppen. Am interessantesten ist der Nachbau einer Polarstation. Sie ist aus den einfachsten Mitteln zusammengebaut und nur so groß, wie es unbedingt notwendig ist. Die Vorstellung, hier Wochen und Monate auszuharren, umgeben von eisigen Temperaturen, Schneestürmen, ewiger Finsternis und gefährlichen Eisbären, lässt mich erahnen, was diese Menschen auf sich genommen haben. Vor meinem inneren Auge sehe ich wieder das Gesicht des Polarforschers, der mir schon im „Arktika“ in Rovaniemi durch den Kopf ging.

Die Ausstellung porträtiert auch das Leben und Wirken des vielleicht bekanntesten Norwegers – des Polarforschers Roald Amundsen. Als ich junger war, habe ich mir viele Dokus über die große Zeit der Polarexpeditionen Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts angeschaut. Amundsen war einer der bedeutendsten und sicher auch ehrgeizigsten Polarforscher der damaligen Zeit. Nachdem er den Wettlauf, als erster Mensch den Nordpol zu erreichen, verloren hatte, setzte er alles daran, als erster Mensch am Südpol zu stehen. Dabei geriet er in einen Wettstreit mit dem Briten Robert Falcon Scott. Ich weiß noch, dass ich damals eindeutig Team Scott war. Amundsen erreichte das Ziel einen Monat eher als Scott und seine Begleiter. Ich mag mir nicht ausdenken, wie bitter es für Scott gewesen sein muss, nach all den Strapazen am Ziel festzustellen, dass Amundsen bereits dort gewesen war. Wenige Wochen später starben Scott und seine Begleiter auf dem Rückweg ins Basislager.

Polarmuseum Tromsø im ehemaligen Zollgebäude

Nachbau einer Polarstation im Polarmuseum Tromsø

Das Museum ist sehr gut besucht. So viele Menschen bin ich nicht mehr gewohnt. Vor fast jedem Ausstellungsstück steht mindestens ein Besucher. Mir wird das irgendwann zu viel. Ich schnappe meine Siebensachen und gehe wieder hinaus in den Regen.

Stadtbummel durch Tromsø

Jetzt will ich mir auch noch die selbsternannte Hauptstadt der Arktis anschauen. Als ich die Storgata – die Haupt- und Einkaufsstraße von Tromsø erreiche, ist sie trotz des trüben Himmels und der Regenschauer gut besucht. Ich bummle durch die Läden und lande so auch bei „Reinlove„, einem ortsansässigen Modelabel. Ihr Slogan „Don´t follow the herd – stay wild“ gefällt mir auf Anhieb. Drei junge Verkäufer und vermutlich auch Designer schmeißen den Laden und bieten jedem Neuankömmling einen Kaffee an. „Skandinavier trinken viieel Kaffee“, erzählt mir einer der Verkäufer. Das war mir neu. Und tatsächlich: Finnland, Schweden, Norwegen und Dänemark sind wohl Weltführer im Kaffee trinken. Mit meinem Becher bummle ich durch den Laden und schaue mir die Pullover und Shirts an. Sie gefallen mir, haben nur leider alle diesen für mein Gefühl „riesigen“ Halsausschnitt, den ich so gar nicht mag.

Storgata – Einkaufsstraße im Zentrum von Tromsø

Nur wenige Schritte weiter sehe ich diese kleine Bar. Bewundernd schaue ich auf den historischen Pavillon und mache ein Foto. Dann bestelle ich mir einen Hotdog und setze mich in den Außenbereich hinter dem Pavillon. Der heißt Raketten Bar & Pølse und ist die kleinste Bar der Welt. Eröffnet wurde er mitten auf der Storgata bereits 1911 von der damals 18-jährigen Margit Løkke. Die Hotdogs, die man hier bestellen kann, bekommt man entweder klassisch mit Rind oder wahlweise mit Rentierfleisch oder als vegane Variante.

Raketten Bar & Pølse in der Storgata von Tromsø

Der Regen ist perfekt, um ein paar Mitbringsel zu shoppen. Die Stadt ist auf Touristen und ihre Bedürfnisse nach Tassen, Kalendern, Magneten und Fahnen von Norwegen bestens eingestellt und ich finde was ich suche.

Dann bummle ich zurück zum Hafen und zu Laika. Unterwegs komme ich noch an einem Street-Art-Bild vorbei. Und vor der Tourist-Info steht ein Polster & Pohl-Bus aus Leipzig. Tausende Kilometer von zu Hause entfernt wirkt so ein vertrauter Schriftzug irgendwie merkwürdig.

Street-Art-Wandbild in Tromsø

Reisebus von Polster & Pohl vor der Tourist-Info in Tromsø

Am Ufer mir gegenüber sehe ich die Eismeerkathedrale, vermutlich eines der bekanntesten Sehenswürdigkeiten von Tromsø. Nicht weit davon entfernt sehe ich auch die Seilbahn, die auf den Storsteinen hochfährt. Von dort oben hat man sicher einen wundervollen Blick auf die Stadt und die Fjorde. Doch die Berge liegen immer wieder unter einer grauen Wolkendecke, so dass die Sicht heute sicher nicht die beste ist. Ich beschließe, es für heute wegzulassen und ergänze meine Bucket List um zwei weitere Punkte.

Blick auf die Eismeerkathedrale von Tromsø

Als ich bei Laika ankomme, traue ich meinen Augen kaum. Am Anlieger mir gegenüber liegt ein Schiff der Hurtigruten. Die Schiffe in ihren typischen Farben weiß, rot und schwarz verbinde ich seit jeher mit meiner Sehnsucht nach dem Norden. Einmal mit diesem Schiff durch die Fjorde fahren. Diesen Traum hatte ich fast vergessen. Und jetzt stehe ich selbst hier oben und sehe zum ersten Mal eines dieser Schiffe. Ausgerechnet hier, im hohen Norden.

Hurtigruten Schiff im Hafen von Tromsø

Nur wenig später fährt dann auch noch ein Expeditionsschiff von National Geographic in den Hafen ein. Mehr Norden geht heute nicht.

Expeditionsschiff von National Geographic im Hafen von Tromsø

Nach rund sechs Stunden Stadt bin ich gut gefüllt mit kompakten Eindrücken. Auf dem Parkplatz könnte ich zwar auch übernachten, mich zieht es aber wieder in die Natur. 22 Kilometer außerhalb der Stadt finde ich auf dem Steinskartind parkering meinen Platz für die Nacht.

Karte und Fahrstrecken dieser Tour

  • Langfjordveien rest area – Rastplatz Krigsminne: 48 Kilometer
  • Rastplatz Krigsminne – Olderdalen Ferjekai (Lyngseidet ferjekai): 109 Kilometer
  • Lyngseidet ferjekai – Svensby Fergekai (Breivikeidet ferjekai): 22 Kilometer
  • Breivikeidet ferjekai – Hamperokken parkering: 19 Kilometer
  • Hamperokken parkering – Parkplatz für Wohnmobile Tromsø: 38 Kilometer
  • Parkplatz für Wohnmobile Tromsø – Steinskartind parkering: 22 Kilometer
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