Unser Campingplatz bietet Bootsfahrten auf dem Fluss Rijeka Crnojevića an und wir buchen eine 2-Stunden-Tour. Shane bleibt im Camp und so ziehen wir zu viert los.

Vom Boot aus haben wir nochmal eine andere Perspektive auf die Landschaft um uns herum. Mitten im Nationalpark Skutarisee lebt der Krauskopfpelikan, den wir zumindest theoretisch hätten entdecken können. Seit 2014 brütet er hier wieder erfolgreich, nachdem er lange als verschwunden galt. Einen Krauskopfpelikan haben wir in Albanien „getroffen“.
Wir fahren durch Seerosenfelder und beobachten Möwen, Kormorane, Graureiher, Schwäne und andere Vögel. Auf offenes Wasser trifft man hier selten – stattdessen ziehen sich die Seerosen und Schilfgürtel kilometerweit durchs Wasser. Ein wahres Labyrinth. Und es erinnert mich auch ein bisschen an das Donaudelta in Rumänien.

An den Ufern stehen kleine Häuser, die vermutlich als Urlaubsdomizile vermietet werden.

Teil des Bootsausfluges ist auch ein Sprung ins kühle Nass. Die beiden Silkes und Oliver springen vergnügt rein und kommen so schnell nicht wieder raus. Aber ich kann die Vorstellung, was sich da unter mir alles tummelt, nur kurze Zeit ausblenden. So bin ich dann nach nur fünf Minuten immerhin erfrischt wieder an Bord des kleinen Bootes.

Die anderen Drei lassen sich Zeit und genießen das Bad in der Rijeka Crnojevića sehr. Bis unser Kapitän zur Rückkehr mahnt.

Mit der Wahl unseres Campingplatzes im Dorf Rijeka Crnojevića haben wir uns unbewusst an einem der geschichtsträchtigsten Flecken Montenegros einquartiert. Auch wenn davon heute nicht mehr viel zu ahnen ist. Das Örtchen, ursprünglich als Obod bekannt, wurde 1478 zur Residenz von Ivan Crnojević, einem bedeutenden Fürsten dieser Zeit. Für kurze Zeit wurde der Ort sogar zur Hauptstadt des mittelalterlichen Montenegro.
Mit der Crnojević-Druckerei stand hier auch eine der ersten Druckereien Südosteuropas.
Heute leben in Rijeka Crnojevića nur noch rund 175 Menschen.


Als wir zu Laika zurückkehren, kommt uns eine kleine Schildkröte entgegen. Der letzten ihrer Art sind wir in Albanien begegnet.

Diesen Abend verbringen wir in einem kleinen Restaurant in der Nähe der markanten zweibogigen Steinbrücke. Fürst Danilo I. ließ sie 1853 zum Gedenken an seinen Vater errichten. Sie ist 43 Meter lang und bis heute das Wahrzeichen des Dorfes – tagsüber ein beliebtes Fotomotiv, abends, beleuchtet und mit den vertäuten Ausflugsbooten davor, noch einmal ein ganz eigener Anblick.

Fahrt nach Kotor durch das Lovćen-Massiv
Am nächsten Tag packen wir unsere Siebensachen zusammen, verabschieden uns von den anderen und fahren weiter Richtung Kotor. Die anderen werden wir später wiedersehen. Wir werfen einen letzten Blick auf die Landschaft am Fluss, folgen der schmalen einspurigen Straße und biegen schließlich auf die Hauptstraße ab.


Die Straße ist noch recht neu gebaut und führt uns durch die Hochebene des Lovćen-Massivs. Hier oben scheint so gut wie niemand zu Hause zu sein. Über weite Strecken sind wir allein in dieser kargen Landschaft aus Fels, Buschwerk und Straße. Der Grund ist der Fels selbst: Wasser versickert im Karst sofort im Untergrund, statt Flüsse oder Seen zu bilden. Richtiges Ackerland gibt es nur in den seltenen Ebenen und dazu kommen lange, schneereiche Winter. Kein Wunder, dass sich das Leben hier seit jeher unten an der Küste und in den Tälern abspielt.

Das Montenegro von heute ist noch ein sehr junger Staat. Am 21. Mai 2006 stimmten in einem Referendum 55,5 Prozent der Bevölkerung für die Loslösung von Serbien – bei einer für eine solche Abstimmung hohen Wahlbeteiligung von über 86 Prozent. Als eigenständiges Gemeinwesen reicht seine Geschichte aber viel weiter zurück. Bereits ab 1427 herrschte mit der Familie der Crnojević eine Dynastie über das mittelalterliche Fürstentum Zeta. Anders als im Rest des Balkans eroberten die Osmanen nicht das gesamte Areal.
Während Teile des heutigen Montenegro zeitweise unter osmanischer Herrschaft standen, konnten sich die schwer zugänglichen Bergregionen um Cetinje weitgehend entziehen. Die Küstenorte wiederum wurden über Jahrhunderte stark von Venedig geprägt. Ab 1697 regierten dort erbliche Fürstbischöfe, während an der Küste bis 1797 Venedig das Sagen hatte.
Erst 1878 erkannten die europäischen Großmächte Montenegros Unabhängigkeit offiziell an, 1910 wurde daraus ein Königreich. Doch schon acht Jahre später ging das Land in Jugoslawien auf und blieb bis zu jenem Referendum 2006 Teil eines größeren, serbisch dominierten Staates.

Auf einem Schotterplatz oberhalb von Kotor finden wir einen wirklich schönen Platz für die Nacht. Die Straße ist nur wenig befahren und ein paar Schritte den Berg hinab ist ein Aussichtspunkt namens „Best View of Kotor„. Anfangs kommen immer mal wieder Autos, halten an und die Menschen genießen die Aussicht. Je später es wird, desto einsamer wird es hier oben. Und irgendwann haben wir diesen grandiosen Blick fast für uns allein. Fast deshalb, weil wir an diesem Abend ein Paar aus Deutschland treffen. Die beiden sind mit ihrem VW T4 unterwegs und wollen so wie wir am nächsten Tag Kotor anschauen.

Wir verbringen einen gemütlichen Abend zu viert und schauen immer mal wieder nach, ob Kotor noch da ist. Und während anfangs noch die Wolken die Sicht abwechselnd verdecken und freigeben, verziehen sie sich im Laufe des Abends und die „Piratenbucht“ wie wir sie nennen liegt beeindruckend unter uns.


Die Serpentinen hinab nach Kotor
Und natürlich schauen wir auch am nächsten Morgen runter auf die Bucht. Da wollen wir heute hin, uns die vielleicht bekannteste Stadt Montenegros anschauen.

Wir sind für unsere Verhältnisse recht früh losgefahren, um möglichst vor dem größten Getümmel die 25 Kehren der Serpentinenstraße hinter uns zu bringen. Ein kurzer Stopp unterwegs kostet uns jedoch die entscheidenden Minuten, so dass uns an einer der engeren Stellen dann auch ein Reisebus entgegen kommt. Wir fahren so nah wie möglich an die Seite, doch es ist unmöglich, an dieser Stelle aneinander vorbeizukommen. Mittels Handzeichen zeigt uns der Busfahrer, dass er ein Stück bergab fahren wird. Das finden wir wirklich bemerkenswert, aber er weiß auch schon, dass ein paar Meter unterhalb eine kleine Parkbucht liegt. In die navigiert er dann auch hinein. Direkt hinter ihm wartet schon ein zweiter Bus, der die Nische ebenfalls nutzt und uns vorbeilässt. Das ist trotz allem Millimetersache und die Passagiere in den Bussen winken und klatschen für diese einmalige Erfahrung. Den beiden Busfahrern zollen wir noch heute Respekt.

Kotor ist ein beliebtes Ziel für Adria-Kreuzfahrten, denn die fast 30 Kilometer lange, fjordähnliche Hafeneinfahrt und die mittelalterliche Altstadt am Fuße des Lovćen-Gebirges bieten einen spektakulären Anblick. Je näher wir der Stadt kommen, desto größer erscheint das Schiff im Gegensatz zu den im Vergleich klein wirkenden Häusern.

Der Hafen hat eine Anlegestelle für Kreuzfahrtschiffe und als wir an daran vorbeikommen, sehen wir dessen wahre Dimension und sind beeindruckt. Mit knapp 211 Metern Länge und fast 27 Metern Breite fasst die „Silver Spirit“ 415 Mann Besatzung und 635 Passagiere. Und die meisten von ihnen tummeln sich vermutlich aktuell in den schmalen Gassen der Altstadt.


Bootstour nach Perast
Wir finden einen gut gelegenen Parkplatz und schlendern in die Stadt. Dort ist es uns ein bisschen zu voll. Also schlürfen wir nur kurz einen Eiskaffee und machen uns dann auf zu einer Bootstour in die Bucht von Kotor.


Unser erster kurzer Stopp ist Perast, ein kleiner Ort rund 13 Kilometer auf dem Landweg von Kotor entfernt. Perast hatte seine Blütezeit vor allem im 18. Jahrhundert, was man an den zahlreichen Palästen im Barock- und Renaissance-Stil noch heute sehen kann. Damals zählte der Ort zu den reichsten der ganzen Adria. Vier Reedereien unterhielten zusammen bis zu 100 Schiffe, zwölf führende Familien bauten sich mit dem Seehandel unter venezianischer Flagge ein riesiges Vermögen auf.
Wahrzeichen von Perast ist der rund 55 Meter hohe Glockenturm der Kirche des Heiligen Nikolaus. Der Bau der Kirche begann 1616, der weithin sichtbare Glockenturm kam später hinzu. Mit dem Ende der Republik Venedig 1797 war der Wohlstand vorbei: Österreicher, Russen und Franzosen wechselten sich als Herrscher ab, bis die Stadt erst österreichisch und später jugoslawisch wurde.
Lebten hier Ende des 18 Jahrhunderts mehr als 1.600 Einwohner, sind es heute nur mehr knapp 350. Wir bummeln nur ein bisschen an der Uferpromenade mit seinen Hotels, Restaurants und Cafés entlang. Dann geht es auch schon wieder weiter.


Die Inseln vor Perast – Sveti Đorđe und Gospa od Škrpjela
Von Perast aus fahren wir vorbei an Sveti Đorđe, der Insel des Heiligen Georg. Sie ist eine natürliche Insel, dicht mit Zypressen bewachsen. Seit dem 12. Jahrhundert steht hier ein Benediktinerkloster, umgeben von einem alten Friedhof. Hier ließ sich der Adel von Perast jahrhundertelang begraben. Unter anderem darum ist sie normalerweise nicht öffentlich zugänglich. Um die Insel rankt sich auch eine Legende: so soll sich ein französischer Marinesoldat während der napoleonischen Belagerung unsterblich in ein Mädchen aus Perast verliebt haben. Nach einem Bombardement fand er sie aber nur noch tot vor und begrab sie auf Sveti Đorđe – Montenegros kleine eigene Version von Romeo und Julia.

Neben Sveti Đorđe liegt noch eine weitere kleine Insel: Gospa od Škrpjela oder „St. Marien auf dem Felsen“. Sie wurde in den letzten Jahrhunderten künstlich aufgeschüttet. Dazu gibt es gleich mehrere Legenden. Eine besagt, dass Seeleute 1452 eine Marien-Ikone auf einem Felsen im Meer fanden und schworen, bei jeder glücklichen Heimkehr einen Stein an dieser Stelle zu versenken. Eine andere besagt, dass ein Schiffbrüchiger an der Stelle Rettung auf einem aus dem Wasser ragenden Felsen fand. Er schwor, an dem Ort eine Kapelle zu bauen, wenn er am nächsten Tag gerettet würde. So oder so wuchs über Jahrhunderte eine künstliche Insel aus dem Wasser. Bis heute lebt der Brauch weiter: Jedes Jahr am 22. Juli fahren Einheimische bei der sogenannten Fašinada mit Booten hinaus und werfen weitere Steine ins Wasser, um das Fundament der Insel zu stärken.
Auf der Insel steht heute eine kleine Kirche mit angeschlossenem Museum.

Von hier aus können wir bis zur Hafeneinfahrt von Kotor schauen, das hinter einer Kurve liegt. Dort entlädt sich gerade ein heftiges Gewitter mit Starkregen. Und unser Boot muss jetzt genau da wieder hin. Unser Kapitän fährt vermutlich extra eine größere Runde zurück und sein Plan geht auf. Als wir Kotor erreichen, tröpfelt es nur noch leicht und hört schließlich ganz auf.

Ein Spaziergang durch die Altstadt von Kotor
Wir spazieren noch etwas durch die Stadt, zuerst entlang der alten Stadtmauer und anschließend durch die schmalen Gassen der Altstadt. Nach dem Gewitter ist es etwas ruhiger geworden. Ganz leer ist es rund um die Plätze, Cafés und Souvenirläden aber nicht.



Als wir in einem kleinen Café etwas trinken, kommt plötzlich die hiesige Müllabfuhr vorbei. Für eine autofreie Altstadt ist dies eine ziemlich clevere Lösung. Zwar werden die Wagen von einem kleinen Gefährt gezogen, aber das kann man angesichts der Schrulligkeit des Anblicks locker verschmerzen.



Die Katzen von Kotor
Kotor trägt auch den Beinamen „Stadt der Katzen“. Geschuldet ist das der jahrhundertelangen Vergangenheit als Hafenstadt. Einer verbreiteten Erzählung zufolge kamen die Katzen über die Handelsschiffe nach Kotor. Auf den Schiffen hielten sie Mäuse und Ratten von den Vorräten fern – und wurden mit der Zeit auch in den Gassen der Hafenstadt heimisch. Sie sind bis heute in der Altstadt allgegenwärtig und werden von Einheimischen wie Touristen gleichermaßen gefüttert. Die Samtpfoten gelten in Montenegro traditionell als Glücksbringer. Und erhielten 2013 folgerichtig ihr eigenes kleines Museum: das „Cats of Kotor“. Mit Postkarten, Gemälden und Antiquitäten rund um die Katze. Ein Teil der Eintrittsgelder soll der Versorgung der Straßenkatzen zugute kommen. Kein Souvenirladen in der Altstadt, in dem nicht irgendwo eine Katzenfigur oder -illustration im Schaufenster sitzt.
Kotor hat uns gut gefallen. Bleiben wollten wir trotzdem nicht. Wir gehen zurück zu Laika und verlassen Kotor. Wohin es als Nächstes geht, erzähle ich im nächsten Teil unseres Montenegro-Roadtrips.


