Wir verlassen Montenegro über den Grenzübergang Šćepan Polje. Die Grenze zwischen den beiden Ländern verläuft hier mitten in der wilden Berglandschaft über eine schmale, mit Holzplanken belegte Stahlbrücke – unter uns die Tara.

Bosnien und Herzegowina gehört nicht zur Europäischen Union. Deutsche Staatsangehörige können mit einem gültigen Personalausweis oder Reisepass einreisen. Die Grüne Versicherungskarte ist für Fahrzeuge mit deutschem Kennzeichen nicht vorgeschrieben, wird als Versicherungsnachweis jedoch empfohlen. Bezahlt wird mit der Konvertiblen Mark (KM), deren Wechselkurs fest an den Euro gebunden ist.

Stari Most über der Neretva in Mostar

Grenzschilder von Bosnien und Herzegowina bei Šćepan Polje

Nach der Grenze fahren wir zunächst entlang der Tara und später der Drina. Die Strecke führt durch eine dicht bewaldete und dünn besiedelte Region. Wir folgen erst der M18, die den montenegrinischen Grenzübergang Šćepan Polje mit Sarajevo und dem Norden Bosnien und Herzegowinas verbindet. Wir erwischen einen eher nicht so gut ausgebauten Abschnitt und fahren entsprechend langsam durch Schlaglöcher und über improvisierte Wasserdurchlässe. Um bei starkem Regen das Wasser abzuleiten und damit Unterspülungen zu vermeiden, werden Gräben in der Straße angelegt und mit Holzbohlen bedeckt. An einigen Stellen ist die Straße ziemlich schmal und abschüssig.

Schlaglöcher auf der Straße hinter dem Grenzübergang Šćepan Polje
Schlaglochtiefe unbekannt
Mit Holzbohlen abgedeckter Wasserdurchlass auf einer Straße in Bosnien
improvisierter Straßendurchlass

Ein Stück weiter steht ein Tamić-Kleinlaster am Straßenrand. Solch ein Auto habe ich vorher noch nie gesehen, aber seine Form gefällt mir auf Anhieb. Vielleicht liegt es an den runden Frontlichtern, die stark an den Trabant erinnern. Der Tamić war ein sehr beliebtes Fahrzeug im ehemaligen Jugoslawien. Die unkaputtbaren Fahrzeuge gab es als klassische Pritschenwagen, Kipper, geschlossene Lieferwagen, Kleinbusse oder auch als kompakte Feuerwehr- oder Militärfahrzeuge. Waren sie früher überall auf dem Balkan im Einsatz, sind sie heute immer seltener zu finden.

Alter TAM-Kleinlaster am Straßenrand in Bosnien und Herzegowina
„Tamić“ jugoslawischer TAM-Kleinlaster

Bewaldete Berglandschaft auf dem Weg nach Nevesinje

Felsige Gipfel des Velež-Massivs bei Nevesinje

Schotterstraße mit Blick auf das Velež-Massiv

Auf einer offenen Fläche bei einem kleinen katholischen Friedhof in Bišina fanden wir schließlich unseren Platz für die Nacht. Der Ort liegt westlich von Nevesinje am östlichen Rand des Velež-Massivs. Den Namen des Friedhofs kennen wir nicht, aber von unserem Platz blicken wir direkt auf die kahlen Gipfel des Gebirges. Die abgelegene Landschaft wirkt wie geschaffen für die Suche nach einem freien Übernachtungsplatz. Trotzdem sollte man in Bosnien und Herzegowina nicht wahllos auf ungenutzte Flächen fahren. In einigen Regionen liegen noch immer Minen und Blindgänger aus dem Bosnienkrieg. Befestigte Wege und erkennbar regelmäßig genutzte Flächen sollten deshalb nicht verlassen werden.

Blagaj und die Quelle der Buna

Am nächsten Tag fahren wir nach Blagaj. Der Ort liegt rund zehn Kilometer südöstlich von Mostar an der Quelle der Buna. Erstmals 1423 erwähnt, entwickelte er sich während der osmanischen Herrschaft zu einer kleinen Handels- und Handwerkssiedlung. Noch heute erinnern die engen Gassen, alte Steinbrücken, Moscheen und historische Wohnhäuser an diese Zeit. Zu den bekanntesten Sehenswürdigkeiten gehört das unmittelbar an den Felsen gebaute Derwisch-Kloster (Tekke) und die direkt daneben liegende Höhle Vrelo Bune.

Wir parken vor dem Haus einer Familie, die ihre Einfahrt zu einem Parkplatz für Wohnmobile gemacht hat. Diese Flexibilität haben wir schon öfter auf dem Balkan erlebt. Privatpersonen stellen sich auf die zunehmende Zahl der Wohnmobile ein und betreiben kurzerhand einen Camping- oder Stellplatz auf ihrem Grundstück. Wir sind froh über das Angebot, denn in den schmalen Gassen finden wir so einen Platz für unsere dicke Berta. Dann müssen wir noch ein Stück an der Buna entlang laufen, um zur Tekke zu gelangen.

Buna in Blagaj mit Restaurants und blühenden Bougainvilleen
Fluss Buna
Hinweisschild mit den Besuchsregeln des Derwischklosters in Blagaj
Besuchs-Regeln

Das Derwisch-Kloster wurde vermutlich um 1520 errichtet und diente seitdem verschiedenen Sufi-Orden als Gebetsraum. Es ist möglich, die Tekke zu besichtigen und natürlich wollen wir das. Dafür müssen unsere Schultern und Knie bedeckt sein. Das kennen wir schon aus Meteora in Griechenland und aus dem Kloster Lesnovo in Nordmazedonien.
Wir nehmen uns zwei der bereitliegenden Tücher am Eingang und betreten das Gebäude. Das Innere ist sehr schlicht eingerichtet. Viel mehr als Gebetsteppiche und einige wenige Möbel sehen wir in den einzelnen Räumen nicht.

Selfie mit geliehenen Kopftüchern im Derwischkloster Blagaj
Kleiderordnung im Kloster

Das Kloster steht direkt an einer mächtigen Felswand und an einem Höhleneingang, aus dem die Buna entspringt. Das alles ist aber noch besser von der anderen Seite des Flusses zu sehen. Und dort gehen wir dann auch hin.

Derwischkloster Blagaj unterhalb der steilen Felswand
an den Fels gebaut
Weißes Derwischkloster an der Karstquelle der Buna in Blagaj
Direkt an der Karstquelle

Von der gegenüberliegenden Flussseite zeigt sich das ganze Ensemble: das weiße Derwischkloster, die steile Felswand und daneben der dunkle Höhleneingang der Bunaquelle. Sie ist eine der stärksten Karstquellen Europas und sieht ganz anders aus als die Quelle Syri i Kaltër in Albanien. Mit durchschnittlich 43.000 Litern pro Sekunde strömt der Fluss aus der rund 200 Meter tiefen Höhle. Bei unserem Besuch im heißen August sehen wir vermutlich nur einen Bruchteil der Wassermenge, die hier aus dem Felsen strömen kann. Mit einem kleinen Boot könnten wir ein kurzes Stück in die Höhle hineinfahren, die tiefschwarz vor uns liegt. Wir überlegen kurz, entscheiden uns dann aber dagegen. Ab hier fließt die Buna knapp neun Kilometer durch die Ebene, bevor sie in die Neretva mündet.

Wir suchen uns einen Platz im Restaurant am Fluss für eine kurze Kaffeepause. Dann fahren wir weiter nach Mostar. Nur etwa zehn Kilometer liegen zwischen beiden Orten – atmosphärisch könnten sie an diesem heißen Augusttag kaum unterschiedlicher sein.

Weiter nach Mostar

Die viertgrößte Stadt des Landes liegt im Tal der Neretva und ist das wirtschaftliche und kulturelle Zentrum der Herzegowina. Das Klima hier ist deutlich mediterraner als in vielen anderen Teilen des Landes. Die Sommer sind trocken und sehr heiß, Temperaturen um die 40 Grad keine Seltenheit.

Ein bisschen müssen wir suchen, bis wir schließlich einen gebührenpflichtigen Parkplatz finden, der durch die ihn umgebenen Mauern wirkt, als hätte hier mal ein Haus gestanden. Wir ziehen ein Ticket, fahren durch die Schranke und finden eine großzügige freie Stelle. Dann machen wir uns auf in die Altstadt.

Die Gegend um Mostar war schon in vorchristlicher Zeit besiedelt. Unter dem Namen Mostar wurde die Stadt erstmals im Jahr 1474 namentlich erwähnt, nachdem die Osmanen den Ort erobert und zu einem Verwaltungssitz ausgebaut hatten.

Es ist kurz nach zwei Uhr nachmittags und eine drückende Hitze liegt über der Stadt. Trotzdem sind die Altstadtgassen voller Menschen. Wir laufen an kleinen Geschäften vorbei, die voll sind mit Taschen, Tüchern, Schmuck und Souvenirs.

Zwischen den steinernen Häusern, Moscheen und Basarständen zieht sich ein stetiger Besucherstrom Richtung Stari Most.

Belebte Basargasse in der Altstadt von Mostar
Kopfsteingepflasterter Platz in der Altstadt von Mostar

Auf den steilen Wegen durch die Altstadt erweist sich das glatte Kopfsteinpflaster noch einmal als kleine Herausforderung. Besonders bergab müssen wir aufpassen, nicht ins Rutschen zu kommen.

Glattes Kopfsteinpflaster in den steilen Gassen von Mostar
Geschäft mit Kleidern und Tüchern in der Altstadt von Mostar

Moschee und Steinbrücke in der Altstadt von Mostar

Kleine Geschäfte zwischen den Steinhäusern von Mostar
Blick über die Altstadt von Mostar und die Neretva

Brückenspringer über der Neretva

Der Name Mostar wird vermutlich von den „mostari“ abgeleitet, den Wächtern einer mittelalterlichen Brücke über die Neretva. An deren Stelle ließ der osmanische Sultan Süleyman der Prächtige im 16. Jahrhundert eine neue Steinbrücke errichten. Nach neun Jahren Bauzeit wurde die Stari Most, die „Alte Brücke“, 1566 fertiggestellt.

Stari Most und Neretva an einem heißen Sommertag in Mostar

Ihr einziger hoher Steinbogen überspannt die Neretva ohne einen Pfeiler im Fluss. Mehr als vier Jahrhunderte verband die Brücke die beiden Seiten Mostars, bis sie am 9. November 1993 während des Bosnienkrieges durch den gezielten Beschuss bosnisch-kroatischer Truppen zerstört wurde.

Nach dem Krieg sollte die Brücke möglichst originalgetreu wieder aufgebaut werden. Taucher bargen Teile der alten Steine aus der Neretva. Da viele davon nicht mehr verwendet werden konnten, gewann man weitere Steine in dem Steinbruch, aus dem vermutlich bereits das Material für die ursprüngliche Brücke stammte. Auch traditionelle Bautechniken wurden beim Wiederaufbau angewandt. Die eigentlichen Arbeiten begannen 2001, im Juli 2004 wurde die neue Stari Most eröffnet. Seit 2005 gehören die Brücke und Teile der Altstadt zum UNESCO-Welterbe.

Häuser und Moscheen am Ufer der Neretva in Mostar
Blick von Stari Most

Besucher auf der Stari Most in Mostar
Blick von der Stari Most auf die Neretva

Als wir die Brücke erreichen, ist ein Teil davon abgesperrt. Dahinter stehen mehrere Männer in Badehosen, um von der Brücke in die rund 20 Meter tiefer fließende Neretva zu springen.

Die Brückensprünge gehören seit Jahrhunderten zu Mostar. Die erste schriftliche Erwähnung stammt aus dem Jahr 1664, seit 1968 wird jeden Sommer ein offizieller Wettbewerb veranstaltet. Außerhalb des Wettbewerbs zeigen die Springer ihr Können für die Besucher. Vor jedem Sprung sammeln sie Geld unter den Zuschauern. Ist eine ausreichende Summe zusammengekommen, wird gesprungen.

Auch jetzt warten die Menschen auf und rund um die Brücke und halten ihre Handys bereit. Schließlich tritt der Springer an die Kante, stößt sich ab und taucht mit gestrecktem Körper in das kalte Wasser ein. Wenige Sekunden später erscheint er wieder an der Wasseroberfläche. Taucher, die zur Sicherheit der Springer bereitstehen, begleiten ihn dann zum Ufer.

Getränke in einem Restaurant mit Blick auf die Stari Most

Was wie ein kurzes Spektakel aussieht, ist keineswegs harmlos. Neben der Höhe machen die Strömung und das kalte Wasser der Neretva den Sprung gefährlich. Wer hier hinunterspringt, braucht Erfahrung, eine gute Körperbeherrschung und vermutlich eine gehörige Portion Mut.

Wir haben Glück. In einem Restaurant nahe der Brücke finden wir einen Tisch hinter einem Sonnenschutz und mit direktem Blick auf die Stari Most und die Springer.

Spuren des Bosnienkrieges

Dann ist das Spektakel vorbei und wir gehen zurück zu Laika.

Schon in der Altstadt hatten wir Häuser mit Einschusslöchern gesehen. Auf dem Weg aus Mostar kommen wir an einem zerstörten Haus vorbei. Die leeren Fensteröffnungen und vor allem der riesige, abgetrennte Teil erinnern daran, wie schwer die Stadt während des Bosnienkrieges getroffen wurde. Auch fast 30 Jahre nach Kriegsende sind die Spuren bei unserem Besuch noch sichtbar.

Die Geschichte des Krieges in Mostar lässt sich allerdings nicht auf zwei klar voneinander getrennte Seiten reduzieren. Im Frühjahr 1992 wurde die Stadt zunächst von der Jugoslawischen Volksarmee und bosnisch-serbischen Kräften angegriffen und von den umliegenden Höhen aus beschossen. Bosniakische und bosnisch-kroatische Einheiten kämpften zu diesem Zeitpunkt noch gemeinsam gegen sie.

Nachdem die bosnisch-serbischen Truppen zurückgedrängt worden waren, zerbrach dieses Bündnis. 1993 begann der kroatisch-bosniakische Konflikt, in dessen Verlauf Mostar erneut belagert, beschossen und schließlich geteilt wurde. Stari Most wurde im November 1993 durch den Beschuss des bosnisch-kroatischen HVO zerstört. Erst 1994 endeten die Kämpfe zwischen Bosniaken und bosnischen Kroaten, der Bosnienkrieg insgesamt dauerte noch bis 1995.

Zerstörtes Gebäude mit Kriegsschäden am Stadtrand von Mostar

Übernachtung an den Buna-Kanälen

Nach unserem Besuch in Mostar fahren wir rund 15 Kilometer aus der Stadt heraus. Hier stoßen wir auf ein außergewöhnliches Naturphänomen: die Buna-Kanäle. Vereinfacht gesagt mündet hier die Buna in die Neretva. Das Besondere daran ist die Form des Zusammenflusses. Die Neretva zwängt sich durch einen stellenweise nur etwa drei Meter breiten natürlichen Kanal, während die Buna über eine Travertinbarriere in mehreren kleinen Wasserfällen in die Neretva fließt.

Hier treffen wir Anna aus Polen, die allein mit ihrem Auto durch den Balkan fährt.

Kleine Wasserfälle der Buna an den Buna-Kanälen
Neretva

Neretva im Bereich der natürlichen Buna-Kanäle
Buna

Wir überqueren die Brücke über die Neretva und entdecken auf der anderen Seite eine wilde Müllablagerung. Einen Container, aus dem die Säcke herausgefallen sein könnten, sehen wir nicht. Vermutlich wurde der Müll einfach in der Landschaft abgeladen.

Mittendrin suchen zwei kleine Welpen zwischen den Säcken nach etwas Fressbarem. Wir geben ihnen Futter, als wir plötzlich ein Geräusch im Gebüsch neben uns hören. Dort versteckt sich die Mutter der beiden. Sie ist jedoch so ängstlich, dass sie ihr Versteck nicht verlässt.

Die beiden Welpen stört das wenig. Sie fressen alles restlos auf und bleiben noch eine Weile bei uns. Bevor wir schlafen gehen, legen wir auch für die Mutter etwas Futter in die Nähe des Gebüschs. Wenig später hören wir es draußen rascheln. Als wir nachsehen, ist das Futter verschwunden. Sie hat sich also doch noch aus ihrem Versteck getraut.

Kleiner Welpe zwischen abgeladenen Müllsäcken an den Buna-Kanälen

Die Buna-Kanäle werden unser Halt für diese Nacht. Wie es am nächsten Morgen weiterging, erfahrt ihr bald im nächsten Artikel.



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