Dies ist der vierte Teil der Serie „Mit dem Wohnmobil ans Nordkapp“ – die ganze Serie findest du hier.
Nur wenige Kilometer hinter der finnisch-norwegischen Grenze halte ich schon wieder an. Auf einer kleinen Parkfläche genieße ich eine gute halbe Stunde den Blick auf den Fluss Kárášjohka. Das breite Flussbett, der stetige Strom des Wassers und das Grün der Wälder beeindrucken mich. Die Landschaft erinnert mich an meine Fahrt mit einem gemieteten Wohnmobil durch Kanada im letzten Jahr. Ich bin jetzt in der Finnmark – dem nordöstlichsten Teil Norwegens.

Je weiter ich fahre, desto leerer wird die Landschaft. Ortschaften gibt es kaum noch. Über weite Strecken fühle ich mich wie der einzige Mensch auf der Welt. Nur hin und wieder sehe ich ein Stück entfernt kleine Häuser, die unbewohnt wirken. Es fährt sich entspannt. Die meiste Zeit ist 90 km/h die maximale Geschwindigkeit und ich kann mich sehr gut darauf einlassen. Die Landschaft um mich herum wirkt beruhigend. Und ich erinnere mich an Lennarts Worte in Hortlax „Du hast Urlaub. Mach langsam, genieße es“. Und das tue ich.


Endlose Kilometer zieht sich die Straße als graue Linie durch die Wälder. Hier kann man Gegenverkehr sprichwörtlich schon Stunden vorher sehen. Die Bäume links und rechts werden immer kleiner, bis sie erst zu Büschen schrumpfen und schließlich ganz verschwinden. Ist die Baumgrenze im Süden eher in den Gebirgsregionen, bestimmt hier im Norden die geografische Lage, welche Pflanzen überhaupt wachsen können. Die Sommer sind hier so kurz und kühl, dass selbst robuste Birken nicht mehr genug Zeit haben, um ausreichend Energie für den langen Winter zu speichern. Hier beginnt die Tundra und das Klima ist dafür einfach zu rau.

Porsangerfjord
Als ich in Lakselv ankomme, sehe ich an der Tankstelle, dass der Diesel hier um einiges günstiger ist, als in Finnland. Meine Strategie des vorsorglichen tankens ist also nicht aufgegangen. Aber was soll’s – vielleicht werden die kommenden Kilometer etwas günstiger.
Lakselv ist einer der wenigen größeren Orte hier oben. Obwohl nur rund 2.300 Menschen hier leben, verfügt der Ort über einen Flughafen. Das ist gut zu wissen, denn schon jetzt habe ich das Gefühl, wiederzukommen. Gleichzeitig wird mir klar, wie wichtig ein Flughafen in einer Region ist, in der Entfernungen schnell mehrere hundert Kilometer betragen.
Lakselv liegt am südlichen Ufer des Porsangerfjords, dem viertgrößten Fjord Norwegens. Ist er hier unten noch von Halbinseln und Inseln durchzogen, verbreitert er sich weiter nördlich auf bis zu 20 Kilometer. Ab jetzt wird er mich bis zum Nordkapp auf der Insel Magerøya begleiten. Östlich der Insel mündet er in das Europäische Nordmeer.

Ein Stück nördlich von Lakselv erreiche ich einen Parkplatz direkt am Fjord und laufe ein paar Schritte. Es ist 17:39 Uhr, bis zum Nordkapp sind es jetzt noch rund drei Stunden Fahrtzeit. Ich überlege, schon heute bis zum Nordkapp zu fahren. Ich fühle mich noch fit und bin auch nicht müde, obwohl ich seit inzwischen fast zehn Stunden unterwegs bin. Die andauernde Helligkeit tut ihren Teil dazu.
Schließlich steige ich wieder ein, tippe Nordkapp ins Navi und starte den Motor. Die letzten 183 Kilometer liegen vor mir.






Magerøya
Schließlich erreiche ich den Nordkapptunnel, der die Insel Magerøya mit dem Festland verbindet. Auf insgesamt rund 6.800 Metern unterquert er das Nordmeer. Er ist gut ausgebaut und auch beleuchtet. Trotzdem finde ich ihn irgendwie gruselig. Die ersten Kilometer führen ziemlich steil bergab. Dann geht es ein kurzes Stück geradeaus, bevor die letzten Kilometer wieder bergauf führen.
Kurz vor der Abreise habe ich auf YouTube ein Video gesehen, in dem ein Bikepacker diese Strecke mit dem Fahrrad fährt. Daran muss ich jetzt wieder denken. Schon die Fahrt mit dem Wohnmobil durch den Tunnel fühlt sich für mich unangenehm an. Umso größer wird mein Respekt vor der Leistung, diese Strecke mit dem Fahrrad zurückgelegt zu haben.
Ich bin froh, als ich am anderen Ende wieder Tageslicht sehe. „Gleich bin ich da“ denke ich und fahre weiter. Dass jetzt noch gut 47 Kilometer über die Insel vor mir liegen, war mir nicht klar.

Ich möchte die sechs Stunden, die ich am Nordkapp parken darf, bestmöglich nutzen, um die Mitternachtssonne zu sehen. Jetzt ist es kurz vor 21 Uhr – erst in einer Stunde will ich ankommen. Ich biege links von der Straße ab und fahre auf den Parkplatz „Tufjorden Ausblick“. Es stehen schon einige Wohnmobile hier – bereit für die Übernachtung. Sonst ist es ein Kommen und Gehen. Eine Stunde bleibe ich hier, bevor ich die letzten Kilometer fahre. Sonne und Wolken tun ihr Bestes, um mir eine spektakuläre Szenerie zu bieten.

Ankommen am Nordkapp
Schon von weitem erkenne ich das Gebäude am nördlichsten Punkt Europas, den man mit dem Auto erreichen kann.

Dann fahre ich zwischen den vielleicht bekanntesten „Containern“ Europas hindurch und weiter auf den großen Parkplatz. Als ich am Pförtnerhäuschen ankomme, gibt mir die junge Frau ein Ticket und sagt: „Herzlich willkommen. Sie dürfen bis morgen früh um ein Uhr kostenfrei hier stehen.“ Wenn das kein Geschenk ist.

Ich suche mir einen Platz mit Blick aufs Meer, atme tief durch und komme erst mal hier an. Gut 2.550 Kilometer haben Laika und ich seit Trelleborg zurückgelegt. Wir haben dafür ziemlich genau 6 Tage, 9 Stunden und 26 Minuten gebraucht. Ich habe viel gesehen, bin aber auch an einigen Orten vorbeigefahren, die ich gedanklich auf die Bucket-List geschrieben habe. Und jetzt bin ich hier.
Am Nordkapp.
Zu Hause schien dieses Ziel „easy“ machbar. Wie lang die Fahrt bis hierher wirklich dauert, wie es sich anfühlt und wie sich manche Strecken ziehen können, weiß ich erst jetzt.

Dann steige ich aus und laufe zum vielleicht berühmtesten Globus der Welt. Ich treffe eine junge Frau, die auch erst hier angekommen ist. Sie versucht, ihr schwer bepacktes Fahrrad für ein Foto in Position zu bringen. Ich frage sie, ob ich das Bild machen soll. So kommen wir ins Gespräch und stellen fest, dass wir beide aus Deutschland sind. Sie ist aus der Gegend um Heidelberg bis hierher geradelt. Wie lange sie unterwegs war, habe ich leider vergessen. Ich finde das mehr als beeindruckend.
Sie macht noch ein Foto von mir, dann gehen wir wieder getrennte Wege. Ein Stück weiter stehe ich dann auch am Globus und warte, bis das Plateau für mich frei ist. Dann frage ich die Frau neben mir, ob sie ein Foto von mir macht. Jetzt bin ich richtig angekommen.


Ich bleibe eine Weile hier und beobachte die Menschen um mich herum. Ein weiterer Bus scheint angekommen zu sein, schlagartig wird es voll am Globus. Ein paar Minuten später ist der Spuk vorbei, alle haben ihre Fotos und gehen zurück. Diese Art des Reisens kenne ich auch. Aber jetzt bin ich froh, an keinen Zeitplan gebunden zu sein.
Ich laufe ein Stück direkt an der Klippe entlang und an den Wohnmobilen vorbei. Nach kurzer Zeit bin ich ganz allein und genieße die Ruhe, den Ausblick, die Sonne und den Wind. Ab hier kommen bis zum Nordpol nur noch kleine Inseln und Spitzbergen.


Von hier aus schaue ich auf Knivskjellodden, den tatsächlich nördlichsten Punkt des europäischen Festlands. Wer dort stehen will, muss allerdings mehrere Stunden wandern.

Etwas abseits des Globus steht das Monument „Kinder der Welt“. Aus Zeichnungen eines 1988 stattgefundenen internationalen Malwettbewerbs wurden sieben Bronzescheiben gestaltet. Sie sollen Freundschaft, Hoffnung und Zusammenarbeit über Ländergrenzen hinweg symbolisieren.

Dann gehe ich zurück zu Laika, setze mich ins Cockpit und schaue einfach nur. Der Wind weht um uns herum und es hört sich an, als spricht jemand ständig zu uns. Es ist Mitternacht und die Sonne erreicht nicht mal mehr den Horizont. Und obwohl ich es sehe, ist es dennoch schwer greifbar. Denn dass jetzt Mitternacht ist, sagt nur die Uhr auf meinem Handy.


Jetzt fordert der lange Tag doch langsam seinen Tribut. Seit mehr als 15 Stunden bin ich unterwegs. Ich habe viel gesehen und bin viel gefahren. Ich habe mein erstes großes Ziel dieser Reise erreicht. Jetzt sagt mein Körper, dass es genug ist.
Ich starte den Motor und fahre zurück zum Parkplatz „Tufjorden Ausblick“. Hier habe ich Glück, es ist immer noch Platz. Ich reihe mich ein und schaue noch einmal auf den Fjord. Dann verdunkle ich alle Fenster und lege mich hin. Einen Wecker stelle ich nicht. Ab jetzt lasse ich mich treiben.
Karte und Fahrstrecken dieser Tour
- Grenze Finnland / Norwegen – Blick auf den Kárásjohka: 11 Kilometer
- Blick auf den Kárásjohka – Bjørnnes Restarea: 88 Kilometer
- Bjørnnes Restarea – Tufjorden Ausblick: 166 Kilometer
- Tufjorden Ausblick – Nordkapp: 17 Kilometer
Hier geht es weiter mit Teil 5 der Reise „Mit dem Wohnmobil ans Nordkapp“
Die ganze Serie findest du hier.


