Dies ist Teil 5 der Serie „Mit dem Wohnmobil ans Nordkapp“ – die ganze Serie findest du hier.

Es ist der Morgen nach meiner Ankunft am Nordkapp. Ich habe mir bewusst keinen Wecker gestellt. Das erste Mal schaue ich um 7 Uhr auf die Uhr. „Nö“, denke ich und drehe mich noch einmal um. Als ich das nächste Mal nachsehe, ist es 9.21 Uhr.

Und was nun? Ich habe keinen Plan gemacht für die Fahrt ab hier und war die ganze Zeit nur auf das Nordkapp als Ziel ausgerichtet. Jetzt habe ich drei Wochen, um mir Norwegen anzuschauen. Ich lasse mir Zeit. Über dem Tufjorden hat sich eine Wolkendecke gelegt. Schließlich fahre ich ohne meinen Morgenkaffee los. Ich will mir später ein Frühstücksplätzchen suchen.

Rosa Tundrablumen am Straßenrand auf Magerøya, im Hintergrund ein Wohnmobil

Zurück über Magerøya

Die Straße zum Nordkapp ist auch die Straße vom Nordkapp zurück. Gestern bin ich fokussiert und ohne viele Stopps über die Insel gefahren. Heute jedoch nehme ich mir Zeit. Ich könnte nach jeder Kurve anhalten, schauen und Fotos machen. Ich will alles in mich aufsaugen. Je langsamer ich fahre, desto mehr fällt mir auf, wie anders diese Landschaft ist. Es gibt kaum noch Bäume. Blümchen, Moose und Flechten sind klein und zierlich, manche kaum größer als ein 1-Euro-Stück.

Den Namen Magerøya kann man grob mit „karge Insel“ übersetzen. Und rein faktisch stimmt das. Es gibt die typische Vegetation der Tundra. Hier leben 3.100 Menschen auf rund 433 Quadratkilometern. Statistisch gesehen sind das 7 Einwohner pro Quadratkilometer. Die meisten wohnen im Hauptort Honningsvåg, der Rest verteilt sich auf kleinere Orte und vereinzelte Höfe.

Rentier überquert die Straße auf Magerøya vor Fjordkulisse

Immer wieder stelle ich mir vor, wie das Leben hier im Winter sein muss. So wie die Sonne jetzt 24 Stunden am Himmel steht und nicht untergeht, schafft sie es in den Wintermonaten nicht über den Horizont. Dafür kann man in dieser Zeit nicht nur die vermutlich längste blaue Stunde des Planeten sehen, sondern auch die Polarlichter, die den Himmel in farbige Lichtspiele tauchen.

Mit meinem Wohnmobil ist es manchmal herausfordernd, durch die engen Gassen der Ortschaften zu fahren. Oft endet die Straße auch mitten im Ort. Mehr als einmal muss ich deshalb wieder umdrehen. Ich stelle mir vor, wie das mit einem noch längeren Wohnmobil gehen soll. Im „Rema-Markt“ auf dem Weg nach Honningsvåg kaufe ich schließlich noch Proviant für die nächsten Tage. Dann mache ich mich auf den Weg von der Insel.

Der Nordkapptunnel

Rastplatz am südlichen Eingang des Nordkapptunnels mit grasenden Rentieren, Blick Richtung Tunneleinfahrt

Der Nordkapptunnel verbindet seit 1999 die Insel Magerøya mit dem norwegischen Festland. Fast sieben Kilometer lang verläuft er unter dem Magerøysund. Sein tiefster Punkt liegt 212 Meter unter dem Meeresspiegel. Deshalb geht es zunächst steil bergab, bevor die Straße nach einem kurzen flachen Abschnitt wieder mit rund neun Prozent Steigung bergauf führt.

Im Tunnel herrschen das ganze Jahr über nur wenige Grad Celsius. Das Wasser des Magerøysunds über dem Tunnel wirkt wie ein riesiger Temperaturpuffer. Als ich am südlichen Tunnelportal ankomme, sind Laikas Außenspiegel komplett beschlagen. Erst jetzt wird mir klar, wie kühl und feucht es dort unten gewesen sein muss.

Beschlagene Außenspiegel des Wohnmobils nach der Fahrt durch den Nordkapptunnel

Ich halte auf einem Platz kurz nach der Ausfahrt, um zu frühstücken und meinen Morgenkaffee zu trinken. Auf der Wiese hinter mir sehe ich mehrere Rentiere, die grasend langsam näher kommen. Als sie schließlich den Tunnel erreichen, hoffe ich auf das Fotomotiv des Tages: Rentiere über der Tunneleinfahrt. Doch sie haben nur wenig Lust, den kurzen Anstieg zu nehmen und überqueren die Straße direkt vor der Ein- und Ausfahrt. Sie verlassen sich darauf, dass Autos, Wohnmobile und LKW schon bremsen werden. Wer will schon ein Geweih im Kühler.

Rentier läuft vor der Einfahrt des Nordkapptunnels über die Straße

Zwei Rentiere überqueren die Straße am Nordkapptunnel

Repvåg und die Weite der Finnmark

Bevor ich das nächste Mal links abbiege, fahre ich nur rund 40 Kilometer. Ich habe nach wie vor kein konkretes Ziel. Immer wenn eine Straße von der Hauptstraße abzweigt, entscheide ich spontan, ob ich ihr folge oder nicht. Und so lande ich in Repvåg, einem kleinen Fischerdorf auf einer ebenso kleinen Halbinsel im Porsangerfjord. Und wie so oft, endet mitten im Ort die Straße. Inzwischen kann ich Laikas Länge wieder ganz gut einschätzen. Es ist schließlich nicht mein erstes „Wenden in drei Zügen“ ohne Rückfahrkamera. Ein Stück außerhalb des Ortes sehe ich eine kleine Parkbucht am Straßenrand und fahre rechts ran. Von hier oben wirkt Repvåg wie ein Postkartenmotiv. Hier ist nichts zu hören. Kein Auto, kein Fischerboot, keine Menschen. Nur die Sonne und der leise Wind. Rund eine halbe Stunde genieße ich diese Stille.

Blick auf das Fischerdorf Repvåg am Porsangerfjord von einem Aussichtspunkt

Irgendwann steige ich wieder ein. Mein nächstes Ziel Alta wartet auf mich. Die Fahrt führt mich wieder durch die Finnmark. Diese Landschaft macht etwas mit mir. Ich mag diese Kargheit, die von den weißen Schneefeldern auf den Bergen noch unterstrichen wird.

Vereinzelt und manchmal in Gruppen stehen kleine Holzhäuser. Ich vermute, dass sie Unterkünfte für die Wintersaison sind. Denn hier kann man sich noch auf Schneegarantie verlassen. Wer weiß, wie lange noch.

Straße durch die karge Landschaft der Finnmark entlang eines Flusses

Einzelnes Holzhaus in der Tundra-Landschaft der Finnmark mit Schneeresten im Sommer

Alta Campingplatz Solvang

Kurz vor Alta finde ich den Campingplatz Solvang. Die Plätze direkt am Fjord sind bereits belegt, aber das stört mich nicht. Ich bleibe nur eine Nacht. Wichtig ist mir vor allem die gute Lage. Von hier sind es nur wenige Kilometer bis zum Alta-Museum, das ich mir am nächsten Tag ansehen möchte.

Spiegelung von Himmel und Bäumen im ruhigen Wasser am Campingplatz Solvang

Wilde Blumen blühen am Strand beim Camping Solvang

Gelbe Holzhütten zwischen Kiefern auf dem Campingplatz Solvang

Alta-Museum – Felsritzungen

Am nächsten Morgen fahre ich zum Alta-Museum. Dass ich hier fast fünf Stunden verbringen werde, ahne ich da noch nicht.

Und ganz ehrlich? Es ist eines der spannendsten Museen, die ich bisher gesehen habe. Die Ausstellung im Inneren erzählt vom Leben und Arbeiten in und um Alta von der Steinzeit bis heute. Im Außengelände kann man zwischen zwei Rundwegen entlang der Felsritzungen wählen; einer ist drei Kilometer lang, der andere gut einen Kilometer.

In den 1960er Jahren wurden eher zufällig die ersten Ritzungen von einem Einheimischen entdeckt. Als er auf der Suche nach Steinen die Küstenlinie absuchte, stieß er auf die ersten Felszeichnungen. Seitdem wurden mehr als 6.000 Zeichnungen entdeckt, seit 1985 gehören sie zum UNESCO-Welterbe.

Sie entstanden vor etwa 7.000 bis 2.000 Jahren und geben einen faszinierenden Einblick in das Leben der Menschen am Ende der Steinzeit. Mit Infoheft und Audioguide versuche ich nun, die Zeichnungen auf den Felsen zu erkennen.

auf dem Aussichtssteg im Außengelände des Alta-Museums mit Blick auf den Fjord
Außengelände des Alta-Museums – und ich
Verwitterte Felsritzungen aus der Steinzeit auf einer grauen Felsplatte in Alta
Felsritzungen

Manche Figuren sind kaum zu erkennen. Andere springen sofort ins Auge. Ich entdecke Rentiere, Elche, Boote, Fische und sogar Menschen. Und mit der Zeit erkenne ich die Linien und Strukturen immer besser. Doch die hochstehende Sonne macht es dennoch zu einer Herausforderung. Einige Zeichnungen verschmelzen förmlich mit dem grauen Stein. In meinem Infoheft sind die Felsen als Fotografie abgebildet, auf der die Linien mit weißer Farbe nachgezeichnet sind. Und obwohl ich so den direkten Vergleich habe, verstecken sich einige Motive dennoch vor meinem Blick.

Felsritzungen auf brüchigem Fels im Alta-Museum

Felsritzung am Rand einer Felsplatte, umgeben von Zwergsträuchern

Moos, Flechten und kleine Blüten auf einem Felsen im Außengelände des Alta-Museums
Liegen hier noch Zeichnungen verborgen?

In den ersten Jahren der Freilegung war es gängige Praxis, die Felsbilder mit roter Farbe nachzuziehen. Mit den heutigen Erkenntnissen verzichtet man darauf. Die Farbe kann die ursprünglichen Linien verfälschen und verwässert so ihre wissenschaftliche Interpretation. Deshalb bleiben neu freigelegte Felszeichnungen naturbelassen. Die rot bemalten Zeichnungen kann man jedoch auf dem kürzeren der beiden Rundwege anschauen. Diesen laufe ich dann auch nach einer kurzen Stärkung im Café des Museums.

Die Zeichnungen sind sehr viel einfacher zu erkennen und die Menge an Motiven überrascht mich. Durch die Farbe muss ich nicht mehr danach suchen, sondern kann alles einfach wirken lassen. Allerdings übersehe ich dadurch auch nicht angemalte Motive inmitten der Farbe.

Rot bemalte Felsritzungen auf einer großen Felsplatte am Alta-Museum mit Blick auf den Fjord

Rot nachgezeichnete Felsritzungen zeigen Rentiere, Boote und Menschen in Alta

Ich lese, dass sich die ältesten Zeichnungen auf den höher gelegenen Felsen befinden, während die jüngeren nahe der Wasserkante liegen. Ursache dafür ist die Landhebung nach der letzten Eiszeit. Durch das Schmelzen des Eises verringerte sich der Druck auf die Landmassen, so dass sie aus dem Wasser aufstiegen. Da die Menschen ihre Zeichnungen jedoch meist in Ufernähe anfertigten, liegen die neuesten jetzt näher am Wasserspiegel.

Fjordlandschaft im Alta-Museum mit Bergen im Hintergrund

Alta

Als ich aus dem Museum komme, ist es schon Nachmittag. Und obwohl mich Städte nicht wirklich interessieren, beschließe ich, Alta einen Besuch abzustatten. Auf einem Parkplatz in der Nähe der Nordlichtkathedrale stelle ich Laika ab und bummle los. Die Kathedrale ist den Nordlichtern nachempfunden und soll das architektonisch umstrittenste Gebäude Nordnorwegens sein. Sie ist leider schon geschlossen, deshalb kann ich sie nur von außen bewundern.

Die Nordlichtkathedrale in Alta mit ihrer spiralförmigen Turmarchitektur

Von der Kathedrale geht eine Fußgängerzone ab, die vorwiegend aus modernen Gebäuden besteht. Hier mache ich mir darüber noch keine Gedanken, doch Tage später erfahre ich auch, warum das so ist. Es ist wenig los, die Gaststätten und Bars links und rechts sind geöffnet aber es sind nur wenige Gäste da. Es fehlen wohl auch die russischen Touristen, da die Grenze aktuell für sie verschlossen ist. Die Besucher, die in der Stadt sind, befinden sich vermutlich noch auf ihren Ausflügen und die Einheimischen auf Arbeit. Ich bleibe nicht lange. Gerade mal 45 Minuten verbringe ich hier. Dann laufe ich zurück und fahre weiter.

Nahezu leere Fußgängerzone in der Innenstadt von Alta

Fußgängerzone in Alta mit Restaurants und wenigen Passanten

Wegweiser in Alta zeigt die Entfernung zu europäischen Städten wie Rom, Berlin und Lissabon
Mehr als 2.019 Kilometer bis nach Hause
Straße am Langfjorden mit kleiner Marina und bunten Häusern

Begegnung am Fjord

Nach knapp 50 Kilometern finde ich den Langfjordveien Rasteplass. Es ist ein recht unebener Platz mit einer holprigen Zufahrt direkt neben der Straße. Aber mir gefällt der Blick auf den Langfjorden und es stehen hier schon drei Wohnmobile. Also bleibe ich hier und erlebe einen der schönsten Momente dieser Reise.

Blick auf den Langfjorden vom Rastplatz Langfjordveien

Kurz nach meiner Ankunft zieht eine Bewegung im Gras meine Aufmerksamkeit auf sich. Als ich näher hinschaue, sehe ich zwei kleine Vögel, die sehr aufgeregt auf dem Platz hin und her laufen. Einer davon läuft immer wieder an eine Stelle, die ich von mir aus nicht richtig erkennen kann. Es sind Austernfischer – für alle Küstenbewohner vermutlich ein gewohntes Bild – für mich eine wunderbare Beobachtung.

Zwei Austernfischer laufen aufgeregt über den Rastplatz am Langfjorden

Austernfischer mit orangem Schnabel läuft über einen Kiesplatz

Schließlich sehe ich den Ort, zu dem das Weibchen immer wieder zurückkehrt. Ich vermute, es ist eine Feuerstelle und sie wird ihre Eier mitten hinein gelegt haben. ‚Ach herrje‘ denke ich, ‚ausgerechnet die Feuerstelle. Hoffentlich wird euch das nicht zum Verhängnis‘. Doch das kleine Wesen wird einfach nur gesehen haben: windgeschützt und von Mauern umgeben – sicher. Hoffentlich geht das gut.

Austernfischer in seinem gut getarnten Nest zwischen Steinen

Als wenig später die Sonne hinter dem Berg am anderen Ufer verschwindet, wird es fast dunkel. Einschlafen ohne Sonnenschein. Inzwischen ein kleines Geschenk.

Karte und Fahrstrecken dieser Tour

Nordkapp – Nordkapptunnel Süd: 35 Kilometer
Nordkapptunnel Süd – Repvåg: 32 Kilometer
Repvåg – Camping Solvang: 145 Kilometer
Camping Solvang – Alta: 12 Kilometer
Alta – Langfjorden Rasteplatss: 45 Kilometer

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