Dies ist Teil 10 der Serie „Mit dem Wohnmobil ans Nordkapp“ – die ganze Serie findest du hier.
Nach der Überfahrt von Moskenes auf den Lofoten nach Bodø erreiche ich gegen zwei Uhr morgens den Parkplatz, auf dem Ursel und ich uns verabredet haben. Viel passiert jetzt nicht mehr. Ich verdunkle die Fenster, schließe den Vorhang zwischen Wohn- und Schlafbereich und lasse mich aufs Bett fallen. Nur wenige Minuten später schlafe ich ein.
Sieben Stunden später wache ich auf. Und was jetzt? Ich habe – mal wieder – keinen Plan.
Die Fahrt ans Nordkapp hatte ein Ziel. Das Museum in Alta stand auf meiner Liste ebenso wie Senja und – wenn noch nicht zu überlaufen – die Lofoten. All das habe ich inzwischen gesehen.
Jetzt bleiben mir noch zehn Tage bis nach Hause. Vor mir liegen gleich mehrere Möglichkeiten. Folge ich der Kystriksveien (Fv17) entlang der Helgelandsküste? Fahre ich durchs Landesinnere auf der E6? Oder biege ich irgendwann nach Schweden ab?
Jede Route hätte ihren Reiz. Und jede Entscheidung bedeutet, auf etwas anderes zu verzichten. Die Fjorde stehen schon lange auf meiner Bucket List. Aber auch Schweden würde mich reizen. Zum ersten Mal auf dieser Reise gibt es kein klares Ziel mehr. Ich spiele die Möglichkeiten durch und finde keine richtige Antwort. Schließlich starte ich einfach den Motor. Erst einmal Richtung Küste. Der Rest wird sich zeigen.
Saltstraumen – wenn das Wasser Fahrt aufnimmt
Weit komme ich allerdings nicht. Ein braunes Hinweisschild lässt mich erneut rechts ranfahren. Auf dem Parkplatz stehen schon einige Autos und Wohnmobile und ich schaue mich um. Ich muss ein Stück den Berg runter, um zum Meer zu gelangen. Als ich dort ankomme, brauche ich einen Moment, um zu erkennen, was hier passiert.
Ich stehe am Saltstraumen, dem stärksten Gezeitenstrom der Welt. Alle sechs Stunden strömen bis zu 400 Millionen Kubikmeter Wasser durch die enge Passage zwischen dem Saltfjord am Meer und dem Skjerstadfjord im Inland. Dabei kann das Wasser in der schmalen Meerenge bis zu 40 km/h erreichen. Es bildet Wirbel von bis zu zehn Metern Durchmesser und mehr als vier Metern Tiefe. Gleichzeitig bringt es Nährstoffe aus den Tiefen des Meeres nach oben. Das lockt Fische an, was den Ort wiederum bei Anglern sehr beliebt macht. Ich bleibe eine ganze Weile hier und schaue dem Naturspektakel zu, von dem ich noch vor ein paar Minuten nicht mal wusste.

Den Saltstraumen kann man auch auf und sogar im Wasser erleben. Als ich dort bin, kommt gerade ein voll besetztes Schlauchboot an. Langsam nähert es sich der Strömung, wird von ihr erfasst und fliegt förmlich mit steigender Geschwindigkeit an mir vorbei.
Wer ein bisschen mehr Abenteuer wünscht, kann auch schnorcheln und sogar tauchen gehen. Natürlich nur während der Gezeitenwechsel, wenn die Strömung am schwächsten ist. Wer mehr Eindrücke zum Saltstraumen und den möglichen Aktivitäten haben will, findet sie auf Visitnorway.de

Dann bummle ich noch ein bisschen über die Insel und zurück zu Laika und folge schließlich der Fv17 weiter nach Süden. Rund eine Stunde fahre ich durch dünn besiedeltes Gebiet, dann mache ich die nächste Pause in Storvik.
Storvik – ungeplant und richtig schön
Eigentlich will ich mir nur kurz die Beine vertreten. Doch das wird wieder einmal nichts. Der breite, fast 1,2 Kilometer lange Sandstrand ist menschenleer. Hinter mir haben ein paar Häuser den wenigen Platz zwischen Berg und Meer besetzt, vor mir öffnet sich die Bucht. Vom Rastplatz führt eine kleine Steingewölbebrücke direkt hinunter an den Strand. Sie gehört zu einem der offiziellen Aussichtspunkte der Kystriksveien, der norwegischen Landschaftsroute entlang der Helgelandsküste.

Es ist einer dieser Orte, an dem man automatisch langsamer wird. In der Ferne sehe ich mehrere Boote vor Anker und erkläre sie zum Ziel meines Spaziergangs.
Unterwegs finde ich Überreste toter Fische und schließlich auch einen leeren Plastikkanister. Die Fische gehören hierher, der Kanister nicht. Also nehme ich ihn mit. Beim Storvik Hafn auf der anderen Seite der Bucht stehen zwei Wohnmobile. Die Lage ist fantastisch. Nach vorn heraus die Sicht auf den Hafen und den Strand und nach hinten die steil aufragenden Berge. In meiner App Park4Night finde ich den Platz dann auch. Und noch zwei weitere, die eindeutig Ausweichstellen für die schmale Küstenstraße sind. Das habe ich oft gesehen in den letzten Tagen – vor allem auf den Lofoten – Wohnmobile in diesen Buchten. Dafür sind sie nicht gemacht. Ich verstehe immer besser, warum manche Norweger nicht sehr gut auf Wohnmobile zu sprechen sind.

Svartisen – Norwegens zweitgrößter Gletscher
Irgendwann bin ich zurück beim Parkplatz. Dort finde ich einen Mülleimer für den Plastikkanister und kaufe noch ein paar Dinge in dem kleinen Laden direkt daneben ein. Hier wäre sogar ein Campingplatz zum übernachten aber es ist erst früher Nachmittag. Ich fahre weiter entlang der Kystriksveien bis ich den Parkplatz Holland Turist Kontor erreiche. Von hier soll man einen guten Blick auf Norwegens zweitgrößtes Gletschergebiet – den Svartisen – haben. Und ich habe Glück. Als ich ankomme, stehen erst drei andere Wohnmobile da. Ich suche mir wieder den Randplatz aus. Zum einen kann so wenigstens auf einer Seite keiner zu nah an mir parken. Zum anderen kann ich hier wunderbar von meinem Bett aus am Klohäuschen vorbei zum Gletscher schauen.

Ich parke noch nicht lange auf meinem Platz, als die nächsten Wohnmobile ankommen und nach einer geeigneten Stelle suchen. Das ist nicht ganz so leicht, denn die vermeintlich freie Straße ist die Zufahrt für die Entsorgungsstation. Einige Mobile fahren weiter, andere parken dann doch zum Teil recht kreativ.
Ich genieße den direkten Blick von meinem Bett auf den Gletscher, der schließlich sogar noch von der Sonne beschienen wird.

Den Namen Holland Turist Kontor hat der Parkplatz vermutlich, weil wir uns hier am Holandsfjord befinden. In diesen fliest eine der insgesamt 60 Gletscherzungen des Svartisen. Vom Parkplatz aus kann ich die Fähre sehen, die über den Fjord auf die andere, die Gletscherseite fährt. Vom Fähranleger führt ein Wanderweg in Richtung Gletscherzunge Engabreen.
Am nächsten Morgen fahre ich noch ein Stück den Berg hinab und bleibe noch einmal stehen, um den Gletscher zu sehen. Sein Anblick macht mich wieder traurig. Auch hier – über dem Polarkreis – ist das Schmelzen des Gletschers nicht zu übersehen.
Seit ich hier oben bin, hatte ich fast nur schönes, warmes Wetter. Kaum Regen, viel Sonne, meist wärmer als ich erwartet habe. Vielleicht habe ich einfach nur Glück, vielleicht ist es aber auch ein Zeichen des Klimawandels. Und bei den Gletschern ist es umso deutlicher, dass hier etwas verschwindet, was in dieser Form nicht zurückkommen kann. Zumindest nicht in einer Lebensspanne.

Die Fähren der Helgelandskysten
Schließlich trenne ich mich von dem Anblick, steige ein und fahre weiter. Mein Ziel ist Forøy – ein sehr kleiner Ort und gleichzeitig ein Verkehrsknotenpunkt. Denn hier geht die Fähre ab nach Ågskardet. Sie ist eine der sechs Fährverbindungen des Kystriksveien. Ohne diese Verbindungen gäbe es die Küstenstraße in dieser Form nicht.
Bis zum ablegen habe ich noch etwas Zeit. Gleich neben dem Ferjekai liegt der Campingplatz Furøy. Hier hat es sich Ursel gemütlich gemacht und wird noch eine weitere Nacht bleiben. Wir unterhalten uns eine Weile, tauschen unsere nächsten Pläne aus und wo wir uns wieder treffen könnten. Wir sind zwar beide allein unterwegs aber da sich unsere Wege immer wieder kreuzen, fühlt es sich irgendwie nicht so an.
Schließlich stelle ich mich wieder einmal in die Schlange und warte, bis die Fähre ihre Laderampe öffnet und wir in ihrem Bauch verschwinden.



Die Überfahrt dauert nur knapp 10 Minuten bis Ågskardet. Von dort geht es nahtlos weiter nach Jektvik, von wo mich die nächste Fähre nach Kilboghamn übersetzen wird.


Ich bin fasziniert von den steil aufragenden Bergen direkt am Wasser. Während der letzten Eiszeit bedeckte ein mächtiger Eisschild ganz Skandinavien. Die Gletscher schliffen das Gestein ab, vertieften Täler und Fjorde und formten die markanten Felsflanken, die heute so typisch für die norwegische Küste sind.

Abschied von der Arktis
Dieser Abschnitt hat noch eine Besonderheit. Denn während der Überfahrt gleiten wir nahezu lautlos über den Polarkreis. Damit habe ich die Region der Arktis wieder verlassen. Insgesamt vierzehn Tage war ich oberhalb des Polarkreises und ich fühle schon jetzt, dass es nicht genug Zeit war. Aber ich habe noch rund 2.000 Kilometer vor mir und nur noch neun Tage Zeit.

Doch das ist noch lange kein Grund zur Eile denke ich mir, als ich nur 20 Kilometern nach Kilboghamn mal wieder an einem Rastplatz Halt mache. Auf einem Schild lese ich, dass mehr als 14.000 Inseln und Schären die Helgelandsküste prägen. Seit der Steinzeit beeinflusst diese einzigartige Küstenlandschaft das Leben der Menschen, ihre Kultur und ihre Geschichte.
Fähren und Schnellboote verbinden die Inseln miteinander und machen die Region leicht erreichbar. Geschützte Fischerdörfer, kleine Häfen, ehemalige Fischerhütten und die weite Küstenlandschaft laden dazu ein, die Helgelandsküste in aller Ruhe zu entdecken – bei Sonnenschein genauso wie bei Wind und Regen oder unter der Mitternachtssonne.

Mich fasziniert hier vor allem die Vegetation auf dem kargen Gestein. Hier haben sich vor allem die Moose und Flechten ausgebreitet und ich muss sehr aufpassen, die filigranen Pflanzen nicht zu zertrampeln. Es war sicher ein schöner Anblick, wie ich an manchen Stellen von Stein zu Stein gehopst bin.

Und obwohl die Natur hier mit so wenig auskommen muss, schaffen sie es doch auch zu blühen. Für die Fotos muss ich mich ziemlich tief hinhocken. Aber das Ergebnis hat sich definitiv gelohnt.

So langsam möchte ich einen Platz für die Nacht finden. Dafür habe ich mir die Marina in Sandnessjøen ausgesucht. Auf dem Weg dahin muss ich aber noch einmal mit der Fähre übersetzen.

Am Fährhafen vor mir steht ein Camper aus Deutschland, in dem auch eine Frau alleine unterwegs ist. Wir kommen ins Gespräch und ich frage sie, welchen Weg sie für die Heimfahrt nimmt. Was sie genau gesagt hat, habe ich vergessen, aber ihre Reaktion auf meine Idee, durch Schweden zu fahren, war ziemlich eindeutig.
Sie würde nicht durch Schweden fahren, dort wurden in letzter Zeit verstärkt Wohnmobile aufgebrochen und sogar das auswärtige Amt habe eine Warnung vor Diebesbanden im ganzen Land herausgegeben. Davon hatte ich noch nichts gehört. Als ich später nachsehe, finde ich beim Auswärtigen Amt tatsächlich Hinweise auf Autoeinbrüche und Überfälle auf Wohnmobile. Von einer aktuellen Warnung vor Diebesbanden im ganzen Land ist dort allerdings keine Rede. Die Hinweise konzentrieren sich vor allem auf Diebstähle, größere Städte und touristische Orte. Leider haben manche Medien möglicherweise den Text auf der Seite nicht richtig gelesen oder Artikel ungeprüft durchgehen lassen. Warnungen vor Gefahren aller Art sorgen eben oft für die meisten Klicks.

Kurz nach 8 Uhr abends erreiche ich schließlich die Marina. Sonne und Wolken lösen sich gegenseitig ab und ich schaue mir nur ein wenig meine direkte Nachbarschaft an. Mehr wird es nicht mehr.

Karte und Fahrstrecken dieser Tour
Heia Parkeringsplass – Saltstraumen: 26 Kilometer
Saltstraumen – Storvik: 68 Kilometer
Storvik – Svartisen Gletscher – Holand Turist Kontor: 64 Kilometer
Holand Turist Kontor – Fähre Forøy: 14 Kilometer (Überfahrt nach Ågskardet)
Ågskardet – Jektvik: 28 Kilometer (Überfahrt nach Kilboghamn)
Kilboghamn – Parking Fv 17: 21 Kilometer (Aussichtspunkt)
Parking Fv 17 – Fähre Nesna: 68 Kilometer (Überfahrt nach Levang)
Levang – Sandnessjøen bobilcamping: 35 Kilometer
Dies ist Teil 10 der Serie „Mit dem Wohnmobil ans Nordkapp“ – weiter geht es in Teil 11 (folgt in Kürze)
Die ganze Serie findest du hier.


